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Leenane - Westport - Leenane - Carrickglass - Glassilaun Beach - Tully Cross - Letterfrack - Kylemore Abbey - Leenane

(Donnerstag, 15. Juni 2000)

   Gleichsam selbstverständlich ist es am Morgen trübe. Ich esse ab 08.00 Uhr mein Frühstück; ab 06.00 Uhr bin ich gleich einem hungrigen Wolf durch den Ort gewandert und habe mein Schicksal als Morgenmensch beklagt, der sprichwörtlich mit den Hühnern aufwacht und mit ihnen schlafen geht. Freundlich serviert, ändert sich nichts am Geschmack der kleinen, fetten Bratwürstchen, die in ganz Irland gleich schmecken. Auch der Bacon ist gleich salzig wie überall, doch gibt es hier Qualitätsunterschiede, so wie es fette Schweine gibt und weniger fette. Ich habe im Convent Glück und verzehre Körperteile eines mageren Schweins. Der gebratene Paradeiser schmeckt gut, den schwarzen Pudding (= Blutwurst mit viel Mehl) verweigere ich.
   Nützt man das Frühstück aus, braucht man kein Mittagessen. Wer daheim nur eine Banane zum Frühstück isst, wird mit der Menge des Gebotenen ein wenig überfordert. Dem Vernehmen nach essen auch die Iren selbst nur mehr sehr selten ein irisches Frühstück. Sollten Sie je in England gewesen sein, kommt Ihnen das bekannt vor; nur der Namen ist unterschiedlich, so wie zwischen dem "Türkischen" Kaffee in der Türkei und dem gleichartigen Kaffee in Griechenland nur der Name verschieden ist.
   Gegen 9 Uhr fahre ich die 30 Kilometer nach Westport, einem sehr hübschen Städtchen, das den Besuch immer wieder lohnt. In den letzten Jahren haben die Bürger ihre Stadt verschönert: dank Wirtschaftsaufschwung haben sie die letzten Ruinen farbig angestrichen und einige Ruinen sogar durch Neubauten, auf traditionell getrimmt, ersetzt. Außerdem haben sie in den preiswert erhältlichen Kübel mit Farbe gegriffen und die Fassaden buchstäblich in allen denkbaren Farben angemalt. Schaut hübsch aus, andersartig jedenfalls im Vergleich zu unseren Häusern in Wien. An die rosa Fassaden mit dottergelben Umrahmungen und violetten Aufschriften muß man sich erst gewöhnen, auch an die bunten Haustüren. Leicht wird dann auch die Grenze zum Kitsch überschritten. Die Grenze mag ja individuell sein, bei den kupferbedachten, auf alt gemachten Straßenlaternen ist sie bei mir überschritten. Man kann auch des Guten zu viel tun. Bei Sonnenschein steigt bei Besuchern der Verbrauch an Farbfilm dramatisch an, bei mir auch. Leider beginnt es zu regnen. Im Zeitungsladen unten am hübsch angelegten Kanal kaufe ich drei Ansichtskarten, aber Briefmarken bekomme ich keine. Ein Heftchen voll mit 20 Marken könnte ich kaufen, aber das will ich nicht. Die Irish Times (Nachtrag 2002: Webausgabe neuerdings kostenfplichtig) erhalte ich nicht, dafür den Irish Independent, die, wie ich glaube, drittbeste irische Tageszeitung - die zweitbeste ist der Irish Examiner aus Cork, den es nicht überall zu kaufen gibt.
   Was macht der Lausch bei leichtem, aber beharrlichem Regen? Er geht in den Super-Value am Oktogon, kauft Lebensmittel und Katzenfutter, falls ihm eine hungrige Katze unterkommen sollte, die sich füttern lässt. Außerdem entdeckt er einen Apparat mit Internetzugang gegen Münzeinwurf. Ich werfe zwar meine Münze ein, es ändert sich sogar die Bildschirmdarstellung, allein, es gibt zwar eine Tastatur, aber keine Maus, sondern einen Touchball. Außerdem soll ich mir eine Identität geben, sonst kann ich nicht surfen. Daran scheitert dann der Lausch und der Spaß hält sich in Grenzen. Das höchstens 10 Jahre alte Mädchen, das Brot kauft, entdeckt, dass irgendein Idiot das Zeitlimit nicht ausgenützt hat und stürzt sich unverzüglich nach mir auf den Apparat und beginnt wie eine Wilde e-mails zu produzieren. Sie hat offenbar eine Identität. Ich gönne ihr die Freude, mein Pfund ist ohnehin verloren.
   Da der Regen nicht aufhört, fahre ich in mein Quartier zurück, lese die Zeitung. Wieder einmal wird gegen einen pensionierten irischen Priester ein Gerichtsverfahren wegen Kindesmißbrauch eingeleitet (7 junge Mädchen insgesamt 76x geschändet, behauptet die Anklage, der Angeklagte sieht sich als Unschuldslamm und will bloß gestreichelt haben, aber auch nur das Kopfhaar. Man kennt das aus den vielen vorangegangenen gleichartigen Prozessen gegen seine Berufskollegen). Ansonsten wenig Neues. Dass die Rechten in der österreichischen Bundesregierung der EU mit Boykottmaßnahmen drohen, ist sogar in Irland eine kleine Meldung wert - unter der Rubrik: Sachen gibt’s! Der Lausch schämt sich vor sich hin. Jedes Land hat die Regierung, die sein Volk verdient. Aber dass wir so ein Volk sind?
   Wie immer, wenn das Wetter aussichtslos ausschaut, ändert sich die Lage bald zum Besseren. Es klart auf. Ich fahre Richtung Clifden. Am Ortsausgang von Leenane haben mutige Menschen das seit Jahrzehnten leer stehende Hotel wieder belebt und es stehen sogar einige Autos davor. Also gibt es auch Gäste. Einen Kilometer weiter komme ich zu Nancy´s Point mit Parkplatz unterhalb der Straße oberhalb des Ufers. Dort liegt die Connemara Lady vor Anker, ein ganz neues kleines Schiff (fasst aber über 100 Passagiere), mit dem man Rundfahrten im Killary Harbour unternehmen kann. Angeblich tun das auch manche Leute für IRP 9.- pro Kopf und Nase.
   Noch einige Kilometer weiter biege ich dann rechts auf eine schmale Seitenstraße ab, die mit jeder Kreuzung immer schmaler wird und schließlich gerade noch breit genug für mein Auto ist. Ich will zum angeblich sehr schönen Strand von Glassilaun. Als ich den Strand sehe, kommt er mir bekannt vor und immer bekannter, je näher ich komme. Schließlich sehe ich auch das einsame Gebäude am Strand am Ende der langen Zufahrt. Da war ich schon. Ich bin nicht zum Glassilaun Beach gekommen, sondern an den Strand von Carrickglass. Schön ist auch er, weit und breit bei Ebbe, und menschenleer mit Ausnahme einer Frau mit Hund, der unermüdlich ins kühle Meer springt, um den Holzprügel zu bergen, den die Frau ebenso unermüdlich aufs Meer hinauswirft.
   Ausführliches Kartenstudium (Maßstab 1:50.000, 1km=2cm, idiotensicher eigentlich) erklärt die Fahrt zum falschen Strand: ein kleiner Weg wurde in der Schnelligkeit übersehen. Ich fahre zurück, finde Wegweiser zum Killary Harbour Adventure Center, folge ihnen und komme nach einigen weiteren Kilometern zu dem nun wirklich menschen- und hundeleeren wunderschönen Strand von Glassilaun. Wunschgemäß bricht die Sonne durch die sprichwörtlichen Wolken. Wär´ mir bloß ein wenig wärmer, ich würde mich ins Meer werfen, aber unter den gegebenen Umständen genügt es mir, mit bloßen Füßen durch die kühlen Fluten zu waten, nicht gerade so weit, als die Füße tragen, aber immerhin 2 Kilometer weit - und wieder zurück. Ans Ende des Strandes bin ich dabei nicht gelangt, einen Menschen habe ich auch nicht gesehen. Seltsam, dass solche menschenleeren, eigentlich langweiligen Strände eine solche Faszination für uns Binnenländer aufweisen.
   Danach fahre ich wieder zurück, am Strand von Carrickglass nochmals vorbei und auf Seitenwegen, aber ausreichend klar beschildert sogar für mich, nach Tully Cross. Dort befindet sich eine Ferienhaussiedlung mit traditionellen Cottages mit Strohdach, die recht hübsch anzusehen ist. Ich parke das Auto bei der weiß bemalten Kirche und spaziere die Dorfstraße entlang, die genau so aussieht, wie Jürgen Kuhlmann sie auf seiner Website beschreibt. Von ihm sehe ich allerdings nichts und im Lebensmittelladen will ich - unangemeldeter Besucher - nicht fragen.
   Den Ort Letterfrack habe ich schon oft auf der Fahrt von und nach Clifden durchfahren, bin aber nie stehen geblieben. Das tue ich auf der Weiterfahrt dieses Mal, aber ach, das ist ein Fehler, denn außer dem unvermeidlichen Shop mit den Produkten der Avoca Weavers und allerlei anderem bietet der Ort eigentlich gar nichts.
   Daher trete ich in Letterfrack die Rückreise nach Leenane an, aber vorher mache ich noch die obligate Pause bei der Kylemore Abbey. Die habe ich schon oft besucht, darüber habe ich auch schon in den vergangenen Jahren berichtet. Nichts hat sich geändert, bloß scheint diesmal die Sonne und ich mache die obligate Aufnahme von dem geradezu furchtbaren Schloss mit dem See davor. Dass ein Mensch, auch im 19. Jahrhundert, das an geschmacklosen Bauten wahrlich nicht arm ist, so viel schlechten Geschmack haben kann wie der Bauherr, ein reich gewordener homo novus aus England namens Henry Mitchell, ist wirklich unbegreiflich. Das muß man gesehen haben. Zu Recht steht daher die heute von Benediktinerinnen als Kloster und sauteure Schule benützte Scheußlichkeit auf jedem Reiseprogramm. Der wahre Höhepunkt verbirgt sich freilich im Wald rechts vom Schloss: eine geschrumpfte gotische Kathedrale, zur höheren Ehe nicht Gottes, sondern des Herrn Mitchell erbaut - eine Kathedrale gehört halt einmal dazu, wozu hat man schließlich Geld? Haben Sie Neuschwanstein besucht? So schaut die Einrichtung der Abbey aus und die Kathedrale auch, bloß eine Nummer kleiner. Allerdings sagt man dem Ludwig II ja bekanntlich nach, er sei ein Grenzfall gewesen, was einiges entschuldigt. Aber amerikanische Touristen brechen in zahlreiche Ahs und Ohs in Neuschwanstein aus und in Kylemore tun sie es genauso.
   Vielleicht habe ich eine zu spitze Feder. Herr Kuhlmann hat durchaus zu Recht darauf hingewiesen, dass die heiligen Schwestern ein wichtiger Arbeitgeber in der Region seien. Schnapsgläser und Ansichtskarten können sie ja schlecht selbst im Besucherzentrum (mit groß geratenem Andenkenladen) verkaufen, so wandern sie bloß scharfäugig als Aufpasserinnen durch die Hallen und den Verkauf besorgen gewöhnliche Menschen.
   Seit einigen Wochen ist als neueste Attraktion ein Victorian Walled Garden zu besichtigen, ein vom Herrn Mitchell (bzw. mit seinem Geld) angelegter ummauerter besserer Gemüsegarten, den die Schwestern in den vergangenen Jahrzehnten zuerst haben verkommen lassen und in den letzten Jahren mit EU-Geldern (Österreich ist pro Kopf der größte Nettozahler) wieder hergestellt haben. Im eigentlichen Gemüsegarten ließ Herr Mitchell Pfirsiche, Melonen, Nektarinen, Bananen und allerlei anderes Exotisches in Glashäusern anbauen, denn im Freien wäre das im irischen Klima naturgemäß nicht gewachsen. Die Ergebnisse verzehrten er und seinesgleichen samt Anhang in seinem Prachtbau. Von den einst 21 (!) Glashäusern sind bisher zwei wieder errichtet worden. Säuberlich getrennt davon und von einer Hecke umgeben gibt es ferner den ehemaligen Erholungsteil zu besichtigen. Zu sehen ist ferner auch das Gärtnerhaus, in dem in den - glaube ich - 60er Jahren ein Herr A. E. Johann eine Zeitlang gewohnt hat, der sehr schöne Reiseberichte schrieb, unter anderem einen längst vergriffenen über Irland. Diesen Hinweis verdanke ich übrigens auch dem erwähnten Herrn Kuhlmann. Besichtigen kann man auch die wieder errichtete "bothy", die Arbeiterunterkunft, damit man die soziale Einstellung des Herrn Mitchell richtig würdigen kann. Das Ganze wird im Herbst wahrscheinlich von einem irischen Minister formell mit vielen schönen Reden eröffnet werden - einschließlich der Pflanzung eines Gedenkbaumes zur Erinnerung an das schöne Ereignis. Besuchen kann man den Garten schon heute - zwecks Erzielung zusätzlicher Einnahmen für die Hl. Schwestern, denn für den Eintritt darf man extra bezahlen. Wo kämen wir sonst hin? Nachtrag 2002: Früher konnte man die Eintrittsgebühr vermeiden, indem man den Hintereingang der Schwestern benutzte: Bei der Einfahrt zum Parkplatz vorbei, den See links passieren und in der Kurve der Strasse (weiterer See rechts) das Gittertor in der Mauer passieren und zum Schloss wandern - an der erwähnten Mini-Kathedrale vorbei. Inzwischen haben sie den Hintereingang versperrt. Die Mauer lässt sich immer noch überklettern, aber es zahlt sich nicht eigentlich aus. Sehenswert ist ja ohnehin nur die Aussenansicht vom Parkplatz aus und der ist derzeit noch gratis benutzbar, also auch die Aussicht.
   Von diesen erbaulichen Gedanken so richtig ermuntert, fahre ich langsam durch die schöne Landschaft Connemaras (auf deutsch übersetzt: Land am Meer) nach Leenane zurück. Da es immer noch schön ist und erst gegen 23 Uhr dunkel wird, fahre ich nach 17 Uhr noch ein Stück weiter bis zur Straßengabelung nach Westport bzw. Louisburg, biege Richtung Louisburg ab, fahre einen Kilometer weiter und stelle das Auto auf dem Parkplatz bei dem Wasserfall von Aasleagh ab. Gerade rechtzeitig bin ich gekommen, die Touristen sind alle schon auf dem Heimweg, aber der Wasserfall liegt noch im Sonnenschein da und ich mache einige Fotos. Heuer ist der Wasserfall nicht sehr eindrucksvoll. Weil es wenig regnet, fällt wenig Wasser. Überhaupt ist der Wasserfall nicht wegen seiner Höhe eindrucksvoll (3 Meter), sondern wegen seiner Breite und wegen seiner Einbettung in die umgebende Landschaft. Schön anzusehen war er schon immer, aber im schon erwähnten Film "The Field" spielte er quasi eine Hauptrolle und seither kommen wesentlich mehr Besucher vorbei. Den Filmproduzenten sollte die Gemeinde zum Ehrenbürger machen.
   Anschließend esse ich im Restaurant "The Field" neben Hamiltons Bar einen panierten Fisch mit phantasievollem Namen (wahrscheinlich Scholle) und ebenso phantasievoller Sauce und Pommes frites sowie Karotten mit Erbsen (dem einzigen lieferbaren "Gemüse"). Salat steht nicht auf der Speisekarte.

 

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Zuletzt geändert: 26. Juli 2007
© Peter Lausch |  2000