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Glendalough - Nenagh - Leenane
(Mittwoch, 14. Juni 2000)

   Wolkig ist es am Morgen. Keine Fotos mehr von Glendalough.
   Dennoch mache ich noch einen kleinen Spaziergang und stoße zufällig auf den ersten Wegweiser zu einer ganz neuen und heuer leider noch nicht fertigen Attraktion: einen neuen Pilgerpfad in der Grafschaft Wicklow, bescheiden zwar und bloß 24 Kilometer lang, der von Hollywood, meinem nächsten Etappenziel, nach Glendalough führen wird. Auch dieser wird so hübsch bezeichnet sein wie alle anderen, in den letzten Jahren ausgebauten Wanderwege: Mit braunlasierten Holzpfählen mit dem Symbol eines weißen, marschierenden Männchens mit Wanderstab. 2001 soll dieser Wanderweg fertig sein, gleichzeitig auch mit vergleichbaren Wanderwegen nach Clonmacnoise, zum Croagh Patrick und noch einigen anderen. Ganz Profanes steckt dahinter: Der Pilgerweg quer durch Frankreich und durch Spanien nach Santiago de Compostela, der seit Jahren immer noch steigende Zahlen von Wanderern anlockt und für die Betreiber kleiner Herbergen, Gasthöfe, Restaurants entlang des Weges ein gutes Geschäft ist. Öko-Tourismus nennt sich das ganz offen in Irland und hat den Vorteil, den Fremden ohne viel Aufwand und Naturzerstörung die ursprüngliche Natur des Landes entlang des Weges nahe zu bringen. Auch sind die Wege allesamt so bemessen, dass sie ein jeder in 1 oder 2 Tagen schafft - mit entsprechenden Nächtigungen. Und zu allerletzt erfüllt das Ganze auch noch einen guten Zweck, denn diese Pilgerwege hat es seinerzeit tatsächlich gegeben; man muss sie bloß von allerlei Gestrüpp frei hacken, Hindernisse beseitigen und rechtliche Probleme der Haftung des Grundbesitzers bei Unfällen lösen. Ich denke, ab 2001 werden diese Wege eine zusätzliche Attraktion für alle jene darstellen, die im fremden Irland nicht bloß Sehenswürdigkeiten betrachten, sondern auch ein wenig und zwischendurch, so wie wir Stadtmenschen es vermögen, auch durch die Landschaft spazieren wollen.
   Auf weiteren schmalen Straßen fahre ich ereignislos quer durchs Land, ehe ich bei Boris N´Ossory die N7 erreiche, die von Dublin nach Galway führt. In Galway selbst bleibe ich auf der Umfahrungsstraße, überwinde viele Kreisverkehre und wundere mich immer wieder über die irischen Autofahrer: auf einer Landstraße mit 50 km/h dahinzufahren, gehört dort zum guten Ton. Mitten auf der Straße stehenzubleiben, weil man einen Bekannten gesehen hat, auch. Bei der Einfahrt in einen Kreisverkehr sozusagen zu warten, ob nicht doch in den nächsten paar Minuten ein bevorrangter Autofahrer daherkommen könnte, auch. Und sobald ich glaube, der Mann/die Frau vor mir schlagen mit ihrem Auto Wurzeln, geben sie Gas und stürzen sich, Vorrang hin, Vorrang her, in den Kreisverkehr, aus dem sie, natürlich ohne zu blinken, unberechenbar auch wieder ausfahren. Ich erwische in Galway die - schön ausgeschilderte - Straße nach Clifden in Connemara ohne Schwierigkeiten. Schön ist die Beschilderung, die Straße ist hingegen noch im Stadium des asphaltierten Karrenweges, eng, kurvig, wellig. Und außerdem habe ich den Connemara Tourist Bus vor mir, ein altertümliches Gefährt, mit dem Touristen zu den Sehenswürdigkeiten Connemaras gebracht werden - im 50 km/h-Tempo. Überholen geht nicht, ich übe mich in nicht vorhandener Geduld. Davon brauche ich viel. In Maam Cross (eine Straßenkreuzung, vier Häuser, eine Tankstelle) hält der Bus an und die Passagiere können im Craft Shop an der Ecke Mitbringsel kaufen. Da könnte ich den Bus überholen, ich tue es auch, aber es nützt mir nichts, denn am so genannten Ortsende biege ich nach rechts in Richtung Leenane ab, überhole noch zügig eine 80-jährige Dame (mindestens), die mit Tempo 40 (höchstens) durch die Lande fährt und komme gegen 1/2 5 Uhr in Leenane an. Für die etwas mehr als 200 km habe ich - mit einigen Pausen - einen ganzen Tag gebraucht.
   Das ist nichts Besonderes. In Irland kommen Sie nicht recht schnell weiter. Das liegt einerseits an den Straßen. In den letzten Jahren sind sie dank kräftiger Unterstützung seitens der EU vielfach ausgebaut worden. Aber auch wichtige Straßen werden unvermittelt zu schmalen Sträßchen, auf denen man viele Kilometer weit hinter einem LKW oder aber hinter einem Träumer am Steuer hinterher zockelt. Infolge der vielen Kurven und der Hecken am Straßenrand, aber auch infolge der Schmalheit der Straßen ist dann ein Überholen einfach nicht möglich. Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen, man wolle sich ja schließlich als Tourist die Gegend ansehen, deshalb sei man ja nach Irland gekommen. Leider ist vor allem im Osten des Landes die Landschaft eher gleichförmig und andererseits will man einfach auch als Tourist von einem Ort zum anderen. Nur manchmal ist der Weg das Ziel. Man muß daher damit rechnen, dass man nur langsam weiterkommt. Zu diesem Thema gehört auch, dass Ortsumfahrungen erst in den letzten Jahren gebaut werden und die ansässigen Geschäftsleute natürlich das Chaos auf der Hauptstraße lieber haben als fließenden Verkehr auf einer Umfahrung: die Autofahrer sollen ja stehenbleiben und gefälligst einkaufen. Und nach wie vor bleibt man dort stehen, wo man stehenbleiben will: und ist es in zweite Spur, so macht es auch nichts und es ist auch sanktionslos. Irland ist kein Polizeistaat und solche Kleinigkeiten sind zwar rechtlich Verstöße gegen Verkehrsvorschriften, aber in der Praxis werden sie nicht geahndet. In vier Wochen Urlaub sehe ich in Irland nicht so viele Polizisten wie in Wien an einem Tag. Und vor allem erinnern mich irische Polizisten nicht an Hitlers SS mit ihren schwarzen Uniformen und Nagelschuhen.
   In Leenane suche ich mir ein Quartier in einem Bed & Breakfast-Quartier The Convent nennt es sich bescheiden und es ist über das Quartier eigentlich nichts zu sagen, außer natürlich, dass ich von meinem Zimmer einen prächtigen Ausblick auf die angeblich fjordähnliche Meeresbucht habe, an deren Ende Leenane liegt. Meeresbucht im Hintergrund, im Vordergrund den Friedhof, nebenan die Kirche. Wie das Leben so spielt, ich bin nicht der einzige Österreicher im Konvent: nach mir quartieren sich noch zwei Biker aus der Umgebung Wiens ein. Das sehe ich an den Kennzeichen ihrer Motorräder; sie selber sehe ich am Abend nicht und werde sie auch am Morgen nicht sehen.
   Quartier gesichert, wandere ich die 200 Meter bis zur Straßenkreuzung, aus der Leenane eigentlich besteht. die Straßen aus Galway, aus Clifden und aus Westport treffen in Leenane zusammen. An der Straße zwei Pubs und mehrere Lokale, in denen es etwas zu essen gibt. Zwei Lebensmittelläden gibt es auch, bescheiden, als Anhang zu den beiden Pubs geführt. Leenane ist in den letzten Jahren bekannt geworden als der Ort, in dem der auch bei uns gezeigte irische Film "Das Feld" spielt, auch veranstaltete dort die Kelly-Familie ein 1998 im deutschen Fernsehen gezeigtes Weihnachtskonzert. Das bringt angeblich noch immer junge Leute nach Leenane, die sich den Ort ansehen wollen, wo die Gruppe ihr Konzert aufnahm - inklusive einiger sehr schöner Landschaftsaufnahmen.
   In Hamiltons Bar ist Hochbetrieb, in der Bar "The Field" daneben gibt es Live-Musik, gar nicht übel für mich Fremden. Sich das allerdings sein Leben lang Tag für Tag anhören zu müssen, dürfte nicht einfach sein. Für die Wirte ein gutes Geschäft: auch die Gäste von Hamiltons Bar genießen die Musik, die auf die Straße dringt. Ich auch, eine Weile. Auf dem Heimweg fährt ein Herr mit seinem unbeleuchteten Auto recht knapp an mir vorbei. Er dürfte seinen Weg kennen, ich höre am nächsten Tag nichts von irgendwelchen Unfällen betrunkener Autofahrer in der Umgebung.

 

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Zuletzt geändert: 26. Juli 2007
© Peter Lausch |  2000