|
Titelseite
|
Einleitung
|
Anreise
| Aufenthalt |
Rückreise
13.6.
| 14.6. | 15.6.
| 16.6.| 17.6.
| 18.6. |
19.6.
| 20.6. |
21.6.
| 22.6. |
23.6.
|
24.6.
| 25.6. |
26.6.
| 27.6. |
28.6.
| 29.6. |
30.6.
| 1.7. |2.7.|
3.7. |
4.7.| 5.7. |
6.7.
| 7.7.
Rosslare Harbour - Wexford -
Arklow - Avoca - Powerscourt - Glendalough
(Dienstag, 13. Juni 2000)
Nach 11 Uhr legt die
Normandy im Hafen von Rosslare an. Mein Auto ist im Schiffsbauch günstig
verstaut, ich bin im ersten Drittel der Reisenden bei der Ausfahrt. Pass-
und Zollkontrolle findet keine statt. Ganz Irland wundert sich über die
vielen illegal eingereisten Neger aus Ghana, Nigerien etc., die dort angeblich politisch
verfolgt werden. und über die
armen, verfolgten Zigeuner aus Rumänien Ich wundere mich nicht.
Vom
Hafen aus fahre ich Richtung Wexford, aber nicht in die Stadt, sondern
nehme die Umfahrung mit vielen Kreisverkehren und schließlich die gute
Straße Richtung Dublin. Relativ wenig Verkehr, die Leute weichen auf den
Pannenstreifen aus, damit man leichter überholen kann. Die kommen
hoffentlich nie nach Österreich, hier würden sie ihre Wunder erleben.
In
Arklow biege ich links ab in Richtung Avoca und fahre auf schmaler Straße
Richtung Laragh. Ich will mich ja wirklich nicht mit Marcel Proust
vergleichen und mit den Madeleines der Tante Leonie in der "Suche
nach der verlorenen Zeit". Diese Straße habe ich vor bald 20 Jahren
zum letzten Mal benutzt, aber dennoch werden die Erinnerungen an die
Vergangenheit so lebendig, als wäre ich auf dieser Straße erst gestern
gefahren. Gleichsam vor jeder Kurve weiß ich, wie es hinter der Kurve
weitergeht. Manchmal täuscht die Erinnerung ja doch, aber meist habe ich
recht. Ehe noch das Hinweisschild auf den kleinen Rastplatz mitten im Wald
auftaucht, weiß ich, jetzt muß es gleich zu sehen sein ....
Als
ich in Laragh auf die schmale Straße zum Sally Gap abbiege, erinnere ich
mich an eine Ceana Campbell, die vor vielen Jahren die Sunday Morning
Breakfast Show im Radio moderierte, als ich damals so wie heute zu den
Wasserfällen am Sally Gap gefahren bin.
Die
Wasserfälle haben sich in den letzten 20 Jahren nicht verändert, seit
ich damals blaustichige Dias machte. Heuer werden sie hoffentlich besser
ausfallen.
Durch
baumloses Hochmoor geht es sodann weiter nach Norden. Immer wieder sieht
man alte Torfstiche neben der Straße. Angeblich herrschte im 2. Weltkrieg
in Irland solche Kohlenknappheit (England exportierte keine Kohle), daß
auch die Stadtfräcke aus Dublin sich einen speziellen Spaten kauften und
in die Berge fuhren und Torfbrocken abbauten und nach Hause nahmen.
Am
eigentlichen Sally Gap - einer Straßenkreuzung in einer wirklichen
Einöde - könnte ich nach Dublin weiterfahren. Ich aber biege nach rechts
(Osten) ab, folge dem Wegweiser Richtung Enniskerry, einem hübschen
kleinen Ort. Die meisten Touristen bleiben hier nicht einmal stehen, sie
fahren gleich nach Powerscourt House and Gardens weiter. Ich hingegen
halte an und kaufe mir eine Flasche Coca-Cola.
Am
Powerscourt House ist schon die Einfahrt eindrucksvoll. Die Fahrbahn
führt durch eine gewundene Allee riesiger alter Bäume. Das Herrenhaus
selbst ist vor Jahrzehnten abgebrannt, stand lange als Ruine mit
blechverkleideten Fenstern hässlich anzusehen funktionslos in der Gegend.
Seit einigen Jahren wird es kommerziell genutzt. In Powerscourt
House kann man an einem Fleck sozusagen sämtlichen Schnickschnack
für Touristen zu höheren Preisen erhalten als üblich. Von den angeblich
handgestrickten Pullovern von den Aran-Inseln bis zu den unsäglichen
Leprechauns, über Tin Whistles und den Romanen der Maeve Binchy gibt es
alles. Falls Sie daher noch keine Reisemitbringsel eingekauft haben
sollten, zahlen Sie pro Kopf IRP 5.- Eintrittsgeld und dürfen dafür nach
Herzenslust einkaufen. Ehrlich, Sie ersparen sich damit den Besuch
sämtlicher anderen Souveniershops, die in Irland meist als Craft Shops
verkleidet auftreten.
Für
die fünf Punt (Pfund auf irisch) dürfen Sie anschließend auch im
Schlosspark wandern. Das ist ein wirklich schöner englischer
Landschaftsgarten, in Terrassen abfallend, mit wunderschönen
fremdländischen Bäumen bestanden, einem Teich mit Fontäne - alles in
allem eine wahre Pracht fürs Auge. Der dekorative Berg im Hintergrund ist
der Sugarloaf Mountain. Links vom Teich ein japanischer Garten mit
allerlei Azaleen, Bächen und rot gestrichenen Brückchen darüber,
wirklich herzallerliebst. So habe ich mir schon immer einen japanischen
Garten vorgestellt. Schade nur, dass die Parks von Kyoto weit weniger
japanisch auschauen als dieser hier in Irland. Nachdem ich sie
wunschgemäß vor einem Rhododendron-Busch geknipst hatte, fragte ich eine
Japanerin nach ihrer Meinung. Sie äußerte sich unklar. Kann sein, ich
habe sie nicht verstanden, kann sein, sie verstand schon meine Frage
nicht, kann auch sein, sie wollte mich nicht kränken.
Außerdem
gibt es im Schloßpark auch noch den größten Tierfriedhof Irlands zu
sehen, eine Ansammlung von allerlei Mops- und Dackelgräbern. Dazu gehört
auch ein in den Dreißiger-Jahren verschiedener ganz besonderer Dackel,
der einem der Erben der Slazenger-Familie gehörte und an den er sich laut
Inschrift auf dem Grabstein "in loving memory" erinnert. Normal
lässt man diesen Spruch nur auf dem Grabstein der Mutter oder des Vaters
eingravieren. Außerdem finden sich in der untersten Reihe noch die
Gräber von zwei preisgekrönten Milchkühen, die vorzeitig das Zeitliche
gesegnet haben. Bemerkenswert, dass ihre Leichen nicht mehr Platz
einnehmen als der Dackel des Herrn Slazenger.
Katzengräber
gibt es keine. Diese miesen Mäusefresser waren wohl bei Familie Slazenger
nur dazu da, von den ach so lieben Möpsen etc. totgebissen zu werden. Na
ja.
Ich
werde in Zukunft lieber in jenes Schloss im Waldviertel (in Österreich)
fahren, in dessen Park sich das Grab des Lieblingsschweins einer Gräfin
findet. Zu Lebzeiten hat das Schwein mit ihr im selben Bett geschlafen und
ruht jetzt als Leiche unter einem großen Baum im Garten - die Gräfin
indessen, wenigstens im Tode vereint, mit dem Gatten in der gräflichen
Familiengruft. So ist das Leben.
Über Roundwood, das angeblich höchstgelegene Dorf Irlands fahre ich wieder
zurück nach Laragh und weiter nach Glendalough.
Beim
Rundturm, den Kirchenruinen und dem Friedhof (im Fremdenverkehrs-English
heißt es: Monastic City) finde ich keinen freien Parkplatz und fahre zum
Parkplatz beim Upper Lake. Dort lange ich um 16.15 Uhr ein und der
Parkplatzwächter verlangt IRP 1,50. Um 17 Uhr geht der Herr erschöpft
vom Kassieren nach Hause, da ist Parken dann gratis.
Bei
wirklichem Prachtwetter spaziere ich auf der autofreien Green Road 2
Kilometer talauswärts zurück zur Monastic City. Bei Kevins Kitchen
(einer der besterhaltenen Kirchenruinen mit einem ganz charakteristischem
kleinem Turm) betrete ich den Friedhof mit den Kirchenruinen. Diese
Ansammlung von an sich baulich unbedeutenden Ruinen ist historisch von
überragender Bedeutung: ohne den Missionsdrang der irischen Mönche, wie
der Hl. Kevin einer war, der Glendalough gründete, wären wir alle
miteinander wahrscheinlich noch Heiden. Natürlich haben die
Fremdenverkehrsmanager einiges verwurstelt, man muß sich nur das Visitor
Centre unterhalb des Friedhofs einmal ansehen. Aber so viel können sie
gar nicht durcheinanderbringen, dass die Wahrheit überdeckt würde. Die
irischen Mönche wollten, gleich den ägyptischen Einsiedlern, durch
Askese den Versuchungen des Fleisches entgehen. Zogen die Ägypter in die
Wüste und betätigten sich als Säulenheilige und Eremiten, gab es in
Irland leider keine Wüsten. Was es
gab, waren die dicht bewaldeten, unwegsamen und einsamen Täler in dem
damals wie heute dünn besiedelten Land. Die Wälder wurden den Iren zur
Wüste. So zog sich der Hl. Kevin, der technisch gesehen, kein Heiliger
ist, in die Einsamkeit eines weglosen Tals zurück, nährte sich von
Pflanzen und Fischen wahrscheinlich eher kümmerlich und lebte in einer
Hütte aus Laubwerk für sich und zu Gottes Ehre. Sein Ruf verbreitete
sich unter seinesgleichen, Gefolgsleute fanden sich ein, eine kleine
Siedlung Gleichgesinnter entstand. Die Mächtigen hielten es für
günstig, sich bei Gott ein gutes Wort einlegen zu lassen und spendeten
Geld und Arbeitsleistung (nicht ihre eigene, natürlich) für
Kirchenbauten. So gedieh Glendalough. Zeitweise sollen hier an die tausend
Mönche und Laienbrüder gelebt haben. Von ihrer Siedlung ist oberirdisch
nichts zu sehen; sie hat dort gestanden, wo sich das Besucherzentrum
befindet. An sich ist auch aus Kevins Zeiten nichts erhalten. Die heute
sichtbaren Kirchenruinen sind ab dem 12. Jahrhundert erbaut worden. 7
Kirchen sind es; dabei werden allerdings 3 Kirchen gleich mitgezählt, die
außerhalb des heutigen Friedhofs stehen. Eine sehen Sie schon auf der
Zufahrt von Laragh unterhalb der Straße, eine finden Sie unterhalb des
Friedhofs, wenn Sie die Green Road einen Kilometer talauswärts gehen.
Eine weitere findet sich oberhalb des Friedhofs in der Nähe der heutigen
Jugendherberge. Für mich die am schönsten gelegene ist freilich die
Reefert Church am Ufer des Oberen Sees. Insofern ist es natürlich Unsinn,
von einer Monastic City zu reden; der Hl. Kevin würde sich wahrscheinlich
im - unbekannten - Grab umdrehen, denn er wollte wirklich keine City
gründen, sondern durch Gebet und Askese in Einsamkeit eins werden mit
Gott. Den Chronisten nach ist er in seinem Leben diesem Ziel ziemlich nahe
gekommen.
Auch
seine Nachfolger hatten anderes im Sinn, als eine großmächtige City zu
errichten. Armut und Bescheidenheit zeichnet die irische Kirche in ihrer
Frühzeit aus; die Verhältnisse haben sich
erst mit dem zunehmenden Einfluss Roms auf die irische Kirche geändert.
In Armut, Dreck und Kälte haben die Mönche der Siedlung im Gefolge
Kevins ihr Leben verbracht.
Aber
das verkauft sich halt schlecht.
Heutzutage
herrscht tagsüber Rummel. Die Autobusse aus Dublin entladen Scharen von
Touristen, die im Besucherzentrum audiovisuelle Vorführungen bestaunen,
die es ihnen ersparen sollen, bei Regen und Kälte in den echten Ruinen
herumzustiefeln und Zeit zu vertrödeln. Denn der nächste Autobus kommt
bestimmt.
Tagsüber
turnen demnach die Touristen, die dem Besucherzentrum entgangen sind, auf
den Gräbern und auch auf den Grabsteinen herum, damit sie den besten
Standpunkt für ihre Fotos finden. Die Fahrtzeit von Dublin beträgt eine
Stunde. Das heißt aber, dass vor 9 oder 10 Uhr keine Autobusse und keine
Touristen in Glendalough herumlaufen. Da die Damen und Herren ja Wert auf
regelmäßige Mahlzeiten legen, fahren die letzten Busse gegen 17 Uhr
wieder ab.
Nach
17 Uhr senkt sich deshalb sprichwörtlicher Frieden auf das Tal herab.
Wenn Sie die Möglichkeit haben, richten Sie es so ein, dass sie erst ab
17 Uhr nach Glendalough kommen. Sie haben das Tal für sich (beinahe).
Parken Sie beim Glendalough
Hotel neben dem Friedhof, gehen Sie die Green Road zum Oberen See
hinauf (am Unteren See vorbei). Sie kommen in eine geradezu herrliche
Landschaft. Der See ist wunderschön, eingebettet in steile,
waldbestandene Bergschultern. Vom jetzt gratis zu benützenden Parkplatz
aus gehen sie über ebene Matten zum Seeufer, vorbei an frühchristlichen
Steinkreuzen. Bleiben Sie am Seeufer stehen und - schweigen Sie. Sie
hören - nichts, außer dem Geräusch der Wellen am Ufer des Sees und den
Schreien der Vögel. Blicken Sie nach links, zum Eichenwald, in dem sich
Kevins Cell verbirgt, von der man freilich nicht
weiß, ob sie Kevin wirklich benutzt hat und von der auch nicht viel
erhalten ist außer einem runden Steinfundament. Sind Sie mutig und
behende, könnten Sie dem Seeufer entlang weglos sich zu Kevins Höhle
durchkämpfen. In dieser künstlichen, einige Meter tief in den Fels
eingegrabenen Höhle soll der Heilige gewohnt haben. Allerdings hat er sie
nicht gebaut. Man nimmt an, dass sie während der Bronzezeit von den
damaligen Siedlern auf der Suche nach Kupfererz in den Felsen geschlagen
wurde. Früher konnte man mit Booten zur Höhle gelangen; seit Jahrzehnten
gibt es keine Boote mehr. Es war wohl kein Geschäft. In der Höhle selbst
gibt es nämlich nichts zu sehen. Was einem die Höhle am Überzeugendsten
vermittelt, ist das Gefühl des Ausgesetztseins, der Verlassenheit - wenn
Sie wollen, des Einsseins mit Gott. Aber mit bloß ein wenig mehr Fantasie
können Sie an einem schönen Abend vor Sonnenuntergang dieses Gefühl
auch am leicht erreichbaren Seeufer verspüren. So muß es auch zu Kevins
Zeiten gewesen sein. Bloß war das Seeufer damals näher dem heutigen
Parkplatz als heute, denn der See ist in den Jahrhunderten seither ein
wenig verlandet.
Und
wenn Sie dann genug haben, dann gehen Sie zum Südufer und suchen den
schmalen Fußweg zur Reefert-Kirche, deren irischer Name viel schöner
klingt: Tempeall Reefert. Die Terrasse oberhalb des Sees ist ein alter
Kultplatz, ein Friedhof vor allem schon in vorchristlicher Zeit. Falls
Sie, wie ich empfehle, vor Sonnenuntergang zur Kirche kommen, werden Sie
auch verstehen, dass dies ein besonderer Platz ist: am Abend die letzte,
von der Sonne beschienene Stelle des Talbodens. Es ist aber auch die
Stelle des Talbodens, die am Morgen als allererste von der Sonne
beschienen wird. An diesem besonderen Platz ist die kleine Kirche
errichtet worden, wahrscheinlich als Symbol, dass das Christentum den
heidnischen Glauben besiegt hat.
Die
Daten und Fakten über Glendalough können Sie in jedem besseren
Reiseführer nachlesen und an Ort und Stelle vermittelt ja auch das
Besucherzentrum das notwendige Wissen.
Ich
selbst esse mein Nachtmahl im Hotel. Quartier bekomme ich keines, eine
Veranstaltung findet statt, ich weiß nicht, wofür oder worüber und will
es eigentlich auch nicht wissen. Statt dessen wandere ich zurück zum
Oberen See und dem Parkplatz und schlafe friedlich im Auto.
|