Keel - Rockfleet Castle - Burrishoole Abbey - Nephin Drive - Sligo - Lissadell House - Rosses Point 


 

Mittwoch, 11. Juni 2003

 

Lange betrachte ich am Morgen mein kleines Zelt und überlege, ob ich es überhaupt abbauen und mitnehmen soll oder aber, ob ich es an Ort und Stelle stehen lasse; wie lange würde es wohl dauern, bei dem geringen Andrang auf dem Campingplatz, bis irgendwem auffiele, da steht ein herrenloses Zelt? Ich schließe einen Kompromiss: Ich werde es abbauen, aber nicht mitnehmen. Stattdessen werfe ich es in den Mistkübel. Dessen Öffnung ist indessen zu klein; also muss ich das Zelt ordentlich verpacken, um es anständig entsorgen zu können.

Dies erledigt, verlasse ich Keel und fahre Richtung Achill Sound und danach bis Mulranny. Dort habe ich zwei Möglichkeiten: ich kann durch eine in ihrer Kargheit schon wieder eindrucksvolle Einöde bis Bangor fahren und von dort auf der N59 weiter nach Ballina und Sligo, dem heutigen Etappenziel. Diese Strecke kenne ich schon.

Ich entschließe deshalb, den Nephin Drive zu benutzen, der westlich von Newport beginnt und nach Nordwesten führt; den Wegweiser habe ich auf der Herfahrt gesehen.

Auf dem Weg dorthin biege ich auf halber Strecke zum Rockfleet Castle ab. Das Castle ist kein eigentliches Schloss, sondern ein Wohnturm aus dem 16. Jahrhundert, dessen Befestigungen und Anbauten seither abgetragen wurden – noch Mitte des 19. Jahrhunderts war die Ringmauer teilweise erhalten. Heute ist davon absolut nichts mehr zu sehen; nichts ist geblieben als ein massiver Wohnturm mit wenigen schmalen Fenstern am Ufer einer Meeresbucht, ein idealer Ankerplatz für Schiffe, die vom offenen Meer her nicht gesehen werden sollen. Und kein Zufall ist diese Platzwahl: zu verschiedenen Zeiten ihres Lebens wohnte hier Grace O’Malley und in der Bucht ankerten ihre Schiffe. Durch ein – nicht mehr vorhandenes – Loch in der Mauer soll ihr Bett mittels eines Seils mit dem Bug ihres persönlichen Schiffes verbunden gewesen sein. Sollten sich Angreifer an ihrem Schiff zu schaffen machen, würde sie dies sogleich gemerkt haben.

An der kleinen Eingangstür des Turms haftet ein Zettel: Schlüssel im nächsten Haus. Das nächste Haus ist ein Gutshof mit Nebengebäuden. Der Gutshof wirkt verlassen, die einstige Wagenremise daneben auch. Kein Schlüssel. Ich umrunde die Remise und siehe da, an der Hinterseite befindet sich eine ebenerdige Wohnung, deren Tür offen steht. Ich rufe, keiner rührt sich. Ich trete ein, die Küchentür ist offen. Auf dem Tisch sitzt ein wirklich kleines Kätzchen und versucht, furchterregend zu fauchen. Ich trete in die Küche. Beim Ofen sitzt ein kleiner Junge, starrt mich wortlos an. Mit dem Rücken zu mir beugt sich eine Frau über ihre Töpfe.

Ich gehe wieder hinaus, huste lautstark und wiederholt. Ich grüße nochmals, mit erhobener Stimme. Dann trete ich wieder ein. Das Kätzchen faucht, die Frau hat sich umgedreht und starrt mich an. O je, o je.

In bestem Englisch trage ich mein Begehren vor: ich möchte mir den Schlüssel ausborgen. Ich füge nicht hinzu: Und ich bin kein Frauenmörder, bitte.

Der Schlüssel liegt auf dem Sims eines Fensters auf der Vorderseite der Remise, ich habe ihn übersehen.

Der ungebetene Gast – ich – entfernt sich, Entschuldigungen ob der Störung murmelnd.

Mit dem Schlüssel samt Schlüsselbund bewaffnet (man könnte mit ihm einen Menschen leicht erschlagen) sperre ich die Eingangstür des Wohnturms auf. Finster ist es drinnen. Eng ist es drinnen. Leere herrscht. Auf einer Art Hühnerleiter steige ich in den ersten Stock hinauf und danach bis zum obersten Geschoss. Aufs Dach führt eine Türe, doch die ist gesondert abgesperrt.

Vom Dach aus verkündete übrigens die liebe Grace ihrem ausgesperrten Gatten unten vor dem Turm, dass sie sich von ihm als geschieden betrachte, er solle sich des Weges scheren. Der tat, wie ihm geheißen. 

Der Raum in diesem obersten Geschoss ist der einzige, den ich als Wohnraum bezeichnen würde: an einer Wand gibt es einen großen Kamin, der seinerzeit sicherlich Wärme gespendet hat. Die Fenster sind nicht größer als in den unteren Geschossen, bessere Schiessscharten. Finster ist er auch, mitten am Tage. Kalt und feucht ist er. Ich möchte nicht hier gewohnt haben, gemütlich kann es nicht gewesen sein.

Beim Runtergehen höre ich leises Hüsteln und fühle mich jetzt wie die arme Frau in der Remise. Kein Anlass zur Furcht: ein Münchner ist’s, er hat die Tür offen vorgefunden und ist eingetreten. Er ist mit dem Rad unterwegs, das Wetter macht ihm nichts aus, sagt er.

Vom Inneren des Turms ist er ein wenig enttäuscht, er hat sich nicht vorgestellt, dass der Innenraum so klein ist – dafür sind die Mauern dick, wie wir feststellen.

Als er zur Hauptstraße zurückradelt, versperre ich die Tür und fahre, mit dem Auto, zurück zur Remise. Zur Hinterseite gehe ich lieber nicht; ich lege den Schlüssel dorthin, wo er gelegen hat und eine Münze daneben als Obolus – nein, keine Centmünze.

Von der Hauptstrasse aus mache ich noch einen weiteren Abstecher, zur Burrishoole Abbey.

Die Abtei am Ufer einer tief ins Land reichenden Meeresbucht hat eine interessante Geschichte: Gegründet 1470 als Dominikanerabtei, vergaß man, die in solchen Fällen notwendige Genehmigung des Papstes einzuholen. Diese Bewilligung wurde erst nach längerem Hin und Her erteilt. Außerdem lebte hier trotz der Auflösung aller Klöster unter Heinrich VIII. und der zeitweiligen Nutzung als Kaserne eine kleine Mönchsgemeinde bis ca. 1700.

Einst soll in einer Gruft unter der Kirche der Schädel Grace O’Malleys als Reliquie ausgestellt worden sein. Eines Nachts indessen wurde der Schädel samt den Skeletten aller in der Kirche Begrabenen samt den Gebeinen aus den geöffneten Gräbern auf dem benachbarten Friedhof von Knochenjägern geraubt. Der Volksmund behauptet, die geraubten Gebeine seien nach Schottland gebracht und dort zu Dünger vermahlen worden sein. Ein einträgliches, aber gefährliches Geschäft für die Knochenjäger waren derartige Raubzüge, denn die einheimische Bevölkerung nahm die Entehrung der Gräber nicht tatenlos hin, sofern sie eines Räubers habhaft wurde.

All das ist Geschichte. Was man an Ort und Stelle sieht, ist die landschaftlich schön gelegene Ruine eines Klosters, von dessen Mauern noch mehr erhalten ist als üblich. Man sieht aber auch die nachträglichen Einbauten bzw. die Pfostenlöcher für die Stützbalken dieser Einbauten in der Mauer der Kirche.

Beim entsprechenden Wegweiser angelangt, biege ich auf den Nephin Drive ab. Man kann bei dieser Fahrt nur hoffen, dass einem kein Auto entgegenkommt, denn die Straße ist extrem schmal und unübersichtlich, führt jedoch durch eine schöne Landschaft. Man darf sich auch nicht stören lassen, wenn die Straße in einen Schotterweg übergeht, nach einigen Kilometern kommt man auf den asphaltierten Rest des Drive. Stellenweise fahre ich durch dichten Wald, an einem Rastplatz halte ich im Letterkeen Wood. Die Aussicht auf die bewaldeten Hügel ringsum und das Meer in der Ferne entschädigt für die Ausweichmanöver, denn natürlich kommt immer an der unübersichtlichsten Stelle ein Auto entgegen.

In Crossmolina erreiche ich wieder die N59, fasse mich im Verkehrsgewühl von Ballina mit Geduld (wie man die Durchfahrt durch eine an sich kleine Stadt so verplanen kann, ist sehenswert) und komme schließlich, auf die vierspurig ausgebaute N4 eingebogen, nach Sligo.

Mangels Umfahrung, über deren Trassenführung seit Jahren gestritten wird, wälzt sich der gesamte Verkehr durch die kleine Innenstadt. Chaos ist die Folge. Bei der katholischen Kathedrale (neugotisch nennt man sie, denke ich) parke ich das Auto auf einem gebührenpflichtigen Parkplatz für 2 Euro den Tag, zu zahlen bei der Ausfahrt. Kurz schlendere ich durch die Innenstadt, kaufe mir in der O’Connell Street ein Buch und im Booknest an der Rockfleet Parade am Fluss Garavogue ein zweites.

Nachdem ich auch Zeitungen und Lebensmittel im zentralen Einkaufszentrum erstanden habe, fahre ich weiter. Als sich der Schranken nach Einwurf einer 1 Euro Münze hebt, verzichte ich auf den Einwurf der zweiten Münze und wundere mich bloß.

Nach Überquerung des Flusses Garavogue biege ich von der N15 in eine links abzweigende Straße ein. Dann fahre ich noch ca. 8 Kilometer und stelle mein Auto auf den Parkplatz des Yeats Country Hotels.

Nichts wird es mit dem erwünschten Zimmer um 90 Euro: Hotel voll. Aber ich könnte ja morgen wieder vorbeikommen, vielleicht sei dann etwas frei. Was nützt mir das heute? Ich zögere nicht, fahre zum Greenlands Caravan & Car Park westlich des Hotels und buche einen Abstellplatz (Auto + Zelt) für 13 Euro pro Nacht.

Da auch auf diesem Campingplatz, wie ich ihn nennen will, der Großteil der Abstellflächen mit teils fix montierten Mobil Homes (ohne Räder) bzw. mit Wohnwagenanhängern von Dauergästen belegt ist, bleibt nur die leicht abschüssige Fläche zur Straße: von dort aber hat man eine prächtige Aussicht.

Die Halbinsel von Rosses Point bildet das Nordufer der Bucht von Sligo. Sie ist sozusagen das Villenviertel von Sligo, wo sich die Betuchten Häuser bauen. Ganz am westlichen Ende liegt die Ortschaft Rosses Point – einstmals ein bescheidenes Fischerdorf, jetzt eine Anhäufung teils umgebauter alter, teils neu gebauter Einfamilienhäuser der Oberklasse. Der Ort blühte gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf, als die reichen Protestanten aus Sligo das Leben in der engen Stadt verdross und sie sich neue Häuser in der relativen Abgeschiedenheit an der Spitze der Halbinsel bauten. So zahlreich waren sie, die Reichen, dass sie eine eigene protestantische Kirche benötigten, am Ufer der Bucht. Die landschaftliche Schönheit sprach sich herum; die ersten kleinen Hotels entstanden um 1900.

Auch das Yeats Country Hotel geht auf ein solches kleines Hotel zurück, das dann in den 60er-Jahren von den Ryans (denen von Ryanair) durch einen Anbau aufs Dreifache vergrößert wurde. Ca. 1995 versah man den Anbau auf der Vorder- und Rückseite mit neuen quasimodernen Fassaden.

Zum Campingplatz zurückgekehrt, genieße ich die prächtige Aussicht.  Inmitten der Bucht liegt die langgestreckte flache Muschelinsel mit ihren 5 Häusern (drei davon Ruinen),  mit weißen Mauern quer über die Insel, mit 2 frühzeitlichen Hügelgräbern und einem kleinen Leuchtturm. Blick ich nach Westen, sehe ich Coney Island mit einer kleinen Siedlung, erreichbar bei Ebbe zu Fuß und mit dem Auto vom Südufer der Bucht aus. Dahinter dann das offene Meer mit dem Leuchtturm auf dem Black Rock. Hinter Oyster Island dann der nicht schiffbare Teil der Bucht und im Süden am Horizont der Berg Knocknarea mit dem Grab der sagenhaften Queen Maeve obenauf, die sicher nicht so hieß, handelt es sich beim Grab doch um ein Hügelgrab aus der Frühzeit. Wen es birgt, ob es überhaupt wen birgt, man weiß es nicht – der Hügel ist archäologisch nicht untersucht.

Am diesseitigen Ufer, vom Campingplatz nicht zu sehen, ein kleiner Hafen und ein verfallenes Haus, der einstigen Elsinore Lodge: es ist das Haus, in dem einst der Onkel W. B. Yeats lebte, und vor ihm ein Schmugglerkönig, eignete sich der Platz doch dafür, von den englischen Zöllnern unbemerkt Branntwein und Tabak ins Land zu schmuggeln. Vom Anwesen des Onkels ist außer der Ruine nichts erhalten außer der ehemaligen Grundstückseinfahrt, in der Biegung der Dorfstraße. Ein Gedicht von Yeats erinnert an seinen Onkel:

My name is Henry Middleton,
I have a small demesne,
A small forgotten house that's set
On a storm-bitten green.
I scrub its floors and make my bed,
I cook and change my plate,
The post and garden-boy alone
Have keys to my old gate.

Ich gehe hinunter zum Strand von Rosses Point. Der Strand bildet die Westseite der Halbinsel. Am nordseitigen Ende ragt eine flache Felszunge ins Meer, der eigentliche Rosses Point. Am Südende, dort, westlich des Campingplatzes, ragt eine bis zu 20 Meter hohe Felszunge ins Meer, Dead Man’s Point genannt, weil dort im 19. Jahrhundert ein anscheinend toter Matrose im Sarg  auf die Felsen gelegt wurde – Kapitän und Mannschaft hatten es eilig und wollten rechtzeitig mit der Flut das offene Meer erreichen, ohne Verzögerungen durch die Behörden. Da sie sich aber nicht wirklich sicher waren, ob der Matrose tot war, legten sie ihm – für alle Fälle – einen Laib Brot mit in den Sarg.

Zwischen diesen beiden Felszungen erstreckt sich ein langer und breiter weißer Sandstrand, landeinwärts begrenzt von grasüberwachsenen Wanderdünen, die als Golfplatz genützt werden.

Das Wetter verlockt nicht wirklich zu einem Strandspaziergang. Daher lasse ich den Strandspaziergang bleiben und wandere stattdessen den halben Kilometer auf dem Fußpfad entlang des Ufers der Bucht von Sligo zum Hotel. Vorbei komme ich am Metal Man, der lebensgroßen Figur eines Matrosen aus Gusseisen mit einer Laterne in der Hand, die des Nachts vor den Untiefen warnt, einem Leuchtturm im Meer gleich. Beim kleinen Hafen komme ich zu der verfallenen Elsinore Lodge.

Von der einstigen Pracht ist nichts erhalten, das Haus ist zu verfallen, um es noch mit vernünftigem Aufwand instand zu setzen.  

Während ich wieder zurück zum Campinplatz gehe, ziehen die Wolken ab: es wird ein schöner Nachmittag. Da lockt es mich, nach Drumcliff zu fahren und von dort zum Lissadell House.

3 Kilometer fahre ich in Richtung Sligo, biege dann bei einem Wegweiser zum Gregg House ab, einem Heim für behinderte Kinder, und fahre auf Seitenstraßen am Nordufer der Halbinsel bis Rathcormack. 

Dort erreiche ich die Straße nach Donegal und nach einigen Minuten die Kirche von Drumcliff inmitten einer Baumgruppe mit dem Stumpf eines Rundturms nahebei und einem keltischen Hochkreuz direkt neben der Straße.

Auf dem Friedhof der anglikanischen Kirche ist W. B. Yeats begraben, dessen Großvater hier Pfarrer gewesen ist. 1939 in Frankreich verstorben, ist Yeats wunschgemäß hier nachträglich bestattet worden und ruht hier neben seiner Frau. Für Yeats-Verehrer ist sein Grab zur Pilgerstätte geworden: Wann immer man auch vorbeikommt, es stehen immer, vorwiegend junge, Amerikaner und Amerikanerinnen, in stummem Angedenken vor dem schlichten Grab; ehe sie gehen, machen die meisten ein Foto nach dem Motto: Ich und der Grabstein des Dichters, samt Grabinschrift, Teil eines seiner Gedichte:

Cast a cold eye  
On life, on death,
Horseman, pass by.

Der Horseman ist nicht eigentlich der Reiter, der weiterziehen soll. Yeats hat sein Leben lang spiritistische Neigungen gehabt, war mit seinerzeit berühmten Spiritistinnen bekannt, befreundet und glaubte an deren Prophezeiungen – die Horsemen sind Schemen, die ihn in seinen Träumen verfolgt haben. Von Yeats redet man noch heute, bezüglich seines theosophischen Vorbildes, der Frau Helena Petrowna Blavatzky, muss man das Internet bemühen.

Warum ich so ausführlich über Yeats erzähle, Nobelpreisträger für Literatur zwar, aber in unseren Breiten kaum mehr gelesen? Weil die Familie Yeats in Sligo lebte und der junge Yeats und sein Bruder die Ferien großteils im Haus ihres mütterlichen Großvaters in Rosses Point verbrachten. W. B. Yeats hat diese Zeit in einigen Gedichten festgehalten, sein Bruder Jack malte eine Reihe von in einschlägigen Sammlerkreisen bekannten Bildern mit Motiven aus Rosses Point.

Mehr noch, Yeats hatte die Eigenheit, in manchen seiner Gedichte konkrete Örtlichkeiten zu nennen: Den Wasserfall von Glencar am gleichnamigen See, den Wald von Slish und den Felsen von Dooney schilderte er in (leicht schwulstigen, denke ich Banause!) Gedichten. Das berühmteste ist wohl das vom Lake Island of Innisfree im Lough Gill.

Innisfree heißen heute auch Seifen und Parfums, die naturgemäß mit Yeats   nichts gemein haben. Aber nicht nur Seifen- und Parfumfabrikanten verdienen am von Yeats bekannt gemachten Namen der Insel (die als solche auch nicht bemerkenswerter ist als andere Inseln im See, aber die anderen hat er halt nicht bedichtet). Am Namen Yeats verdient die ganze Fremdenverkehrsbranche in Sligo und Umgebung. Sein Name und seine Gedichte werden vermarktet, schön dass er, wie gesagt, konkrete Örtlichkeiten erwähnte. Yeats entkommt man nicht. Man kann den Wanderungen und Ausflügen des Dichters folgen, man kann an Autobusfahrten teilnehmen, bei denen man bequem zum an sich nicht der Rede werten Wasserfall von Glencar gelangt etc. Nur zum Lake Island fahren die Busse nicht, die Straßen sind zu schmal. Da muss man sich mit dem eigenen Auto oder Fahrrad oder zu Fuß hinbegeben. Wissbegierige können jeden August sogar an der von der Yeats-Gesellschaft veranstalteten Yeats Summer School teilnehmen und Wissenswertes über den Dichter erfahren.

Hochkreuz und Stumpf des Rundturms in Drumcliff gehören zu einem ehemaligen Kloster. Haben Sie Ihr Auto auf dem Parkplatz vor der Kirche geparkt, stehen Sie auf den Grundmauern des alten Klosters. Sollte jemand hungrig sein, nun, auch die anglikanische Kirche verdient legitimer Weise am Grab von Yeats: im Besucherzentrum gibt’s Kaffee und diverse Mehlspeisen und Sandwiches.

Hingegen hat der auf der anderen Straßenseite gelegene große und nach Yeats benannte Pub mit dem Dichter nur den Namen gemein, hat der Pub doch zu Lebzeiten des Dichters noch gar nicht bestanden und dient heutzutage vorwiegend der Verköstigung hungriger Yeats-Fans.

Einen Kilometer nördlich, in Carney, biege ich nach rechts ab und folge den Wegweisern zum Lissadell House.

Lissadell House, ein graues, schmucklos wirkendes Herrenhaus in pseudo-klassischem Stil ist seit dem 19. Jahrhundert das Heim der Familie Gore-Booth, protestantischen Großgrundbesitzern mit einer interessanten Familiengeschichte, die bis in die Zeit der Eroberung Irlands durch die Engländer zurückreicht. Über die Herrschaften ließe sich leicht ein Buch schreiben, namentlich über die männlichen Träger des Namens, über die jeweiligen Damen weniger.

Ausgenommen natürlich die 1868 geborene Constance Gore-Booth. Weil sie schön von Angesicht war (ihre Schwester Eva auch) widmete ihr der sattsam bekannte W. B. Yeats eines seiner bekannteren Gedichte:

 

The light of evening, Lissadell
Great windows open to the south,
Two girls in silk kimonos, both
Beautiful, one a gazelle ….

Glauben Sie jetzt aber nicht, es handle sich um eine Lobeshymne. Lesen Sie bei Interesse das ganze Gedicht.

Constance heiratete einen Grafen aus der Ukraine namens Markievicz und wurde damit zur Countess Markievicz. Ob sie tatsächlich Countess war, bestreiten manche, denn die adelige Herkunft des Herrn Gemahls ist nicht so ganz über Zweifel erhaben.

Trotz ihrer Herkunft als Tochter eines der reichsten Grundbesitzer in Irland, eines Protestanten noch dazu, wurde sie zu einer der glühendsten Vorkämpferinnen für ein freies, unabhängiges Irland. Sie nahm am gescheiterten Osteraufstand teil, wurde von den Briten zum Tod verurteilt, aber schließlich begnadigt, wurde 1919 die erste weibliche Ministerin Europas in der Regierung des Freistaats. Daneben entfaltete sie eine rege soziale Hilfstätigkeit; bei den Armen Dublins war sie als Madame bekannt und beliebt. Als sie 1927 starb, folgten Zehntausende in Dublin ihrem Sarg, die Blumenspenden mussten auf mehreren Lastwagen zum Friedhof gebracht werden.

Heute ist die hohe Zeit irischen Großgrundbesitzes längst vorbei; die Ländereien der Gore-Booths sind enteignet und aufgeteilt worden. Geblieben ist der Famlie das Haus und ein wenig Land vom Haus hinunter bis zur Bucht. Haus und Land ringsum wirken verwildert, wo einst gepflegte Gartenanlagen waren, weiden Kühe.

Die Besichtigung des Hauses hat einen eigentümlichen Reiz:

Ich trete beim Portikus (oder wie halt eine überdachte Wagenauffahrt genannt wird) ein und werde von einer älteren Frau empfangen, bei der ich den Obolus bezahle. Danach lädt sie mich ein, im Zimmer hinter ihr zu warten. Das Zimmer wird ausgefüllt von einem großen Tisch, auf dem die Werke von Yeats ausgebreitet sind und eine Reihe von Büchern verschiedener Autoren über die Countess Markievich.  Nach mir kommen noch ein einige Interessierte, insbesondere eine grell gelb gefärbte Amerikanerin mit ihrem Mann, der mir nicht in Erinnerung bleiben wird, weil er den Mund hält, was man von seiner Frau nicht sagen kann.

Als gegen halb drei Uhr keine weiteren Besucher mehr erscheinen, beginnt die Führung. Geführt werden wir von der Kassiererin durchs Haus. Sie spricht jenes wunderschöne Englisch der Upper Class, das sogar ich verstehe und mir dämmert, sie sei ja vielleicht gar nicht die Kassierin, sonden die Miteigentümerin von Lissadell House.

Im Hause selbst scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, als wäre sie 1916 angehalten worden: da gibt es die Wiege der Countess zu sehen, ihr Spielzeug und das ihrer weniger extravaganten Schwester: irgendwelche Holzpferde und geschnitzte Holzfiguren, die einen Bauernhof symbolisierten. Ein Segelschiff in einer riesigen Glasflasche, mit dem auch irgendwer gespielt hatte. Ein ausgestopfter Eisbär, seltsam in einem irischen Herrenhaus, aber verständlich, wenn man weiß, das Constances Vater ein leidenschaftlicher Reisender war und allerlei Expeditionen in unwirtliche Gegenden unternahm, u. a. eben auch in die Arktis zu den Eisbären, von denen ihm einer vor die Flinte lief. Das alles wird in einer zweistöckigen Halle dargeboten, groß wie eine Turnhalle und mit einem Geruch wie in einem Museum. Daneben ein kleinerer Raum, ca. 5o qm groß, angefüllt mit verschlissenen Möbeln, teils mit Schonbezügen, die auch schon zerfallen. Auf den Fauteuils haufenweise Zeitungen, allesamt aus den Dreißigerjahren, wie ich feststelle. An den Wänden Gemälde von Personen: der Herr Graf Markievicz hat das Haus der Schwiegereltern mit seinen Werken verziert.  Während der ganzen Führung, bei der die grauhaarige Kassiererin uns Geschichten aus dem Jahre 1916 erzählte (sie ist die Urgroßnichte der Countess oder so etwas ähnliches, sagte sie), ruft die Grellgelbe aus Detroit (wo sie nach Habitus und Sprache anscheinend eine zu Geld gekommene Hausmeisterin ist)  immer wieder Wonderful und Marvellous. Irre ich mich oder geht sie mit ihrem Gehabe sogar ihrem Gatten auf die Nerven?

Nach oben marschieren wir sodann, zu den heiligen Hallen, in denen der berühmte Dichter Yeats und seine weit weniger berühmte Gattin bei ihren Besuchen gewohnt haben sollen. Zwar mögen die Hallen heilig sein, berühmt sind sie nicht. Fliesswasser hat es offenkundig nicht gegeben, nach dem verbeulten Waschtisch zu schließen, und hinter einer Tapetentür, die ich, neugierig wie ich bin, öffnete, befindet sich ein verstaubtes Plumpsklo, was die Kassiererin mit spitzem Schrei quittiert: Sir,..... Sie sagt noch manches, da ich sie aber nicht verstehe, kann ich nur schließen, ich hätte einen Fauxpas begangen. Freilich ist damit die Neugier der Grellblonden geweckt: Marvellous and wonderful, und am liebsten hätte sie das Ding gleich benützt. Die Tapetentür wird sogleich wieder geschlossen, ich ernte einen bösen Blick. Nach dem Badezimmer des großen Dichters frage ich lieber nicht, denn offenbar gab es solchen Luxus nicht.

Ob der Dichter in diesem Zimmer wirklich schlief oder ob es einfach eines von mehreren Gästezimmern ist, weiß ich nicht.

Überhaupt ist es zwar schön, dass man um seine Besuche in Lissadell solches Aufheben macht, aber so ungeheuer geschätzt war er auch wieder nicht, wie man weiß: als Sohn einer Familie, die teils Pfarrer, teils zu Geld gekommene Kaufleute vorweisen konnte, war er nicht wirklich standesgemäß, aber halt ein Dichter.

Viele Zimmertüren werden für uns nicht geöffnet, was dahinter liegt, lässt sich erahnen. Nach diesem Rundgang durchs Obergeschoss steigen wir nicht nur ins Erdgeschoss hinab, sondern sogar in den Keller. Im feuchten Gang lehnt ein Fahrrad, das nach seinem Aussehen offenbar schon von der Countess benützt worden ist; die Führerin allerdings schweigt.

Um genau zu sein, sie schweigt nur zur Geschichte des Fahrrades; nicht schweigt sie bezüglich der excellent quality ihres Kaffees und ihrer scones und sonstigen Mehlspeisen (rosarot und giftgrün), die sie im Keller, gemeinsam mit einer weiteren Alten, die auch nicht anders ausschaut, sich indessen als Magd entpuppt, serviert (gegen Bezahlung natürlich und natürlich nicht billig). Die Grellblonde schlägt zu: laut gurrend häuft sie sich einen Berg Scones und giftgrüne Mehlspeise auf den Teller und stellt an die Kassiererin eine Vielzahl von Fragen über Familien, die mit ihrer angeblich verwandt, der Alten aber allesamt nicht bekannt sind. Da ich giftgrüne Mehlspeisen nicht mag (ich nehme an, dass es sich um Mehlspeisen handle) und die Scones eher alt aussehen, trinke ich bloß einen trinkbaren Kaffee. Anschließend entferne ich mich unauffällig (den Kaffee habe ich bezahlt).

Im Auto vor dem Hause sitze ich noch eine Weile und frage mich, warum man die Zeit anhalten müsse (an irgend einem Tag des Jahres 1916, wie mir scheint). Gewiss, die Countess war für uns Heutige sicherlich das interessanteste Familienmitglied, aber von ihr findet sich nichts – vielleicht ist, außer den Spielsachen – im Haus auch nichts erhalten.

Bei solchen Führungen interessieren mich namentlich die Türen, die nicht geöffnet, die Räume, die nicht gezeigt werden. Es wird Gründe geben: warum sollte man uns durch die heute leer stehende Bibliothek führen, deren Bücherbestand im Frühjahr 2003 versteigert worden ist. Warum auch sollte man uns erzählen, dass das Haus verkauft werden wird oder werden muss, versteigert gar an den Meistbietenden.

Wer wird der neue Eigentümer? Ein dankbares Thema für die Zeitungen. Die Republik Irland solle kaufen, wollen die einen, schließlich sei Lissadell das Geburtshaus der Countess Markievicz. Ein Museum zu ihrem Angedenken solle errichtet werden. Wozu? Was hat denn die Countess geleistet? Und wenn schon, in Lissadell ist nichts von ihr erhalten. Seit sie den Herrn Grafen geheiratet hat, ist sie ja nur zu Besuch gekommen. Es ist ja nicht ihr Haus, sondern ein Herrenhaus wie viele andere auch.

Man wird sehen, was mit Lissadell House geschieht, habe ich am 3. Juli 2003 geschrieben. Inzwischen weiß man, was geschehen ist: Mitte August 2003 wurde das Haus an einen lieber anonym bleibenden Käufer verscherbelt. 3,5 Millionen Euro hat der arme Mensch bezahlt - der Republik Irland war's das Haus nicht wert. 

Vom Haus aus folge ich den Wegweisern zur Ausfahrt. Die Straße führt zum Strand hinunter, einem prächtigen Sandstrand mit Picknickgelände und, vom Wald bereits verschluckt, den Grundmauern eines weiteren Herrenhauses. Denn die Gore-Booth hatten Jahrhunderte am westlichen Ende der Halbinsel ein Herrenhaus bewohnt, ehe sie übersiedelten, Ardtermon House (heute gehört es einem deutschen Grundstücksmakler). Ihr neues Heim errichteten sie direkt am Strand, doch erwies es sich als feucht und unbequem; daher ließ man in zweiter Auflage das heutige Lissadell House bauen, unter Verwendung des Baumaterials der ersten Auflage.

Nichts mehr zu sehen gibt es in Lissadell, was für mich von Interesse wäre – ich fahre zurück nach Rosses Point und gehe am Abend durch den Ort spazieren, setze mich beim Dead Man’s Point auf eine Bank und wundere mich wieder einmal über ein Volk, das bis zum Einbruch der Dunkelheit Sandstrände entlangwandert.  

 

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     1.6  2.6 3.6  4.6 5.6  6.6  7.6  8.6  9.6  10.6  11.6  12.6  13.6  14.6  

15.6   16.6   17.6   18.6  19.6   20.6.  21.6   22.6   23.6   24.6 

Erstellt am 3. Juli 2003

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