Mittwoch, 11. Juni 2003
Lange
betrachte ich
am Morgen mein kleines Zelt und überlege, ob ich es überhaupt abbauen
und mitnehmen soll oder aber, ob ich es an Ort und Stelle stehen lasse;
wie lange würde es wohl dauern, bei dem geringen Andrang auf dem
Campingplatz, bis irgendwem auffiele, da steht ein herrenloses Zelt? Ich
schließe einen Kompromiss: Ich werde es abbauen, aber nicht mitnehmen.
Stattdessen werfe ich es in den Mistkübel. Dessen Öffnung ist indessen
zu klein; also muss ich das Zelt ordentlich verpacken, um es anständig
entsorgen zu können.
Dies erledigt, verlasse ich Keel und fahre Richtung Achill Sound und
danach bis Mulranny. Dort habe ich zwei Möglichkeiten: ich kann durch
eine in ihrer Kargheit schon wieder eindrucksvolle Einöde bis Bangor
fahren und von dort auf der N59 weiter nach Ballina und Sligo, dem
heutigen Etappenziel. Diese Strecke kenne ich schon.
Ich entschließe deshalb, den Nephin Drive zu benutzen, der westlich von
Newport beginnt und nach Nordwesten führt; den Wegweiser habe ich auf
der Herfahrt gesehen.
Auf dem Weg dorthin biege ich auf halber Strecke zum Rockfleet Castle
ab. Das Castle ist kein eigentliches Schloss, sondern ein Wohnturm aus
dem 16. Jahrhundert, dessen Befestigungen und Anbauten seither
abgetragen wurden – noch Mitte des 19. Jahrhunderts war die Ringmauer
teilweise erhalten. Heute ist davon absolut nichts mehr zu sehen; nichts
ist geblieben als ein massiver Wohnturm mit wenigen schmalen Fenstern am
Ufer einer Meeresbucht, ein idealer Ankerplatz für Schiffe, die vom
offenen Meer her nicht gesehen werden sollen. Und kein Zufall ist diese
Platzwahl: zu verschiedenen Zeiten ihres Lebens wohnte hier Grace
O’Malley und in der Bucht ankerten ihre Schiffe. Durch ein – nicht
mehr vorhandenes – Loch in der Mauer soll ihr Bett mittels eines Seils
mit dem Bug ihres persönlichen Schiffes verbunden gewesen sein. Sollten
sich Angreifer an ihrem Schiff zu schaffen machen, würde sie dies
sogleich gemerkt haben.
An der kleinen Eingangstür des Turms haftet ein Zettel: Schlüssel im nächsten
Haus. Das nächste Haus ist ein Gutshof mit Nebengebäuden. Der Gutshof
wirkt verlassen, die einstige Wagenremise daneben auch. Kein Schlüssel.
Ich umrunde die Remise und siehe da, an der Hinterseite befindet sich
eine ebenerdige Wohnung, deren Tür offen steht. Ich rufe, keiner rührt
sich. Ich trete ein, die Küchentür ist offen. Auf dem Tisch sitzt ein
wirklich kleines Kätzchen und versucht, furchterregend zu fauchen. Ich
trete in die Küche. Beim Ofen sitzt ein kleiner Junge, starrt mich
wortlos an. Mit dem Rücken zu mir beugt sich eine Frau über ihre Töpfe.
Ich gehe wieder hinaus, huste lautstark und wiederholt. Ich grüße
nochmals, mit erhobener Stimme. Dann trete ich wieder ein. Das Kätzchen
faucht, die Frau hat sich umgedreht und starrt mich an. O je, o je.
In bestem Englisch trage ich mein Begehren vor: ich möchte mir den Schlüssel
ausborgen. Ich füge nicht hinzu: Und ich bin kein Frauenmörder, bitte.
Der Schlüssel liegt auf dem Sims eines Fensters auf der Vorderseite der
Remise, ich habe ihn übersehen.
Der ungebetene Gast – ich – entfernt sich, Entschuldigungen ob der
Störung murmelnd.
Mit dem Schlüssel samt Schlüsselbund bewaffnet (man könnte mit ihm
einen Menschen leicht erschlagen) sperre ich die Eingangstür des
Wohnturms auf. Finster ist es drinnen. Eng ist es drinnen. Leere
herrscht. Auf einer Art Hühnerleiter steige ich in den ersten Stock
hinauf und danach bis zum obersten Geschoss. Aufs Dach führt eine Türe,
doch die ist gesondert abgesperrt.
Vom Dach aus verkündete übrigens die liebe Grace ihrem ausgesperrten
Gatten unten vor dem Turm, dass sie sich von ihm als geschieden
betrachte, er solle sich des Weges scheren. Der tat, wie ihm geheißen.
Der
Raum in diesem obersten Geschoss ist der einzige, den ich als Wohnraum
bezeichnen würde: an einer Wand gibt es einen großen Kamin, der
seinerzeit sicherlich Wärme gespendet hat. Die Fenster sind nicht größer
als in den unteren Geschossen, bessere Schiessscharten. Finster ist er
auch, mitten am Tage. Kalt und feucht ist er. Ich möchte nicht hier
gewohnt haben, gemütlich kann es nicht gewesen sein.
Beim Runtergehen höre ich leises Hüsteln und fühle mich jetzt wie die
arme Frau in der Remise. Kein Anlass zur Furcht: ein Münchner ist’s,
er hat die Tür offen vorgefunden und ist eingetreten. Er ist mit dem
Rad unterwegs, das Wetter macht ihm nichts aus, sagt er.
Vom Inneren des Turms ist er ein wenig enttäuscht, er hat sich nicht
vorgestellt, dass der Innenraum so klein ist – dafür sind die Mauern
dick, wie wir feststellen.
Als er zur Hauptstraße zurückradelt, versperre ich die Tür und fahre,
mit dem Auto, zurück zur Remise. Zur Hinterseite gehe ich lieber nicht;
ich lege den Schlüssel dorthin, wo er gelegen hat und eine Münze
daneben als Obolus – nein, keine Centmünze.
Von der Hauptstrasse aus mache ich noch einen weiteren Abstecher, zur
Burrishoole Abbey.
Die Abtei am Ufer einer tief ins Land reichenden Meeresbucht hat eine
interessante Geschichte: Gegründet 1470 als Dominikanerabtei, vergaß
man, die in solchen Fällen notwendige Genehmigung des Papstes
einzuholen. Diese Bewilligung wurde erst nach längerem Hin und Her
erteilt. Außerdem lebte hier trotz der Auflösung aller Klöster unter
Heinrich VIII. und der zeitweiligen Nutzung als Kaserne eine kleine Mönchsgemeinde
bis ca. 1700.
Einst soll in einer Gruft unter der Kirche der Schädel Grace
O’Malleys als Reliquie ausgestellt worden sein. Eines Nachts indessen
wurde der Schädel samt den Skeletten aller in der Kirche Begrabenen
samt den Gebeinen aus den geöffneten Gräbern auf dem benachbarten
Friedhof von Knochenjägern geraubt. Der Volksmund behauptet, die
geraubten Gebeine seien nach Schottland gebracht und dort zu Dünger
vermahlen worden sein. Ein einträgliches, aber gefährliches Geschäft
für die Knochenjäger waren derartige Raubzüge, denn die einheimische
Bevölkerung nahm die Entehrung der Gräber nicht tatenlos hin, sofern
sie eines Räubers habhaft wurde.
All das ist Geschichte. Was man an Ort und Stelle sieht, ist die
landschaftlich schön gelegene Ruine eines Klosters, von dessen Mauern
noch mehr erhalten ist als üblich. Man sieht aber auch die nachträglichen
Einbauten bzw. die Pfostenlöcher für die Stützbalken dieser Einbauten
in der Mauer der Kirche.
Beim entsprechenden Wegweiser angelangt, biege ich auf den Nephin Drive
ab. Man kann bei dieser Fahrt nur hoffen, dass einem kein Auto
entgegenkommt, denn die Straße ist extrem schmal und unübersichtlich,
führt jedoch durch eine schöne Landschaft. Man darf sich auch nicht stören
lassen, wenn die Straße in einen Schotterweg übergeht, nach einigen
Kilometern kommt man auf den asphaltierten Rest des Drive. Stellenweise
fahre ich durch dichten Wald, an einem Rastplatz halte ich im Letterkeen
Wood. Die Aussicht auf die bewaldeten Hügel ringsum und das Meer in der
Ferne entschädigt für die Ausweichmanöver, denn natürlich kommt
immer an der unübersichtlichsten Stelle ein Auto entgegen.
In Crossmolina erreiche ich wieder die N59, fasse mich im Verkehrsgewühl
von Ballina mit Geduld (wie man die Durchfahrt durch eine an sich kleine
Stadt so verplanen kann, ist sehenswert) und komme schließlich, auf die
vierspurig ausgebaute N4 eingebogen, nach Sligo.
Mangels Umfahrung, über deren Trassenführung seit Jahren gestritten
wird, wälzt sich der gesamte Verkehr durch die kleine Innenstadt. Chaos
ist die Folge. Bei der katholischen Kathedrale (neugotisch nennt man
sie, denke ich) parke ich das Auto auf einem gebührenpflichtigen
Parkplatz für 2 Euro den Tag, zu zahlen bei der Ausfahrt. Kurz
schlendere ich durch die Innenstadt, kaufe mir in der O’Connell Street
ein Buch und im Booknest an der
Rockfleet Parade am Fluss Garavogue ein zweites.
Nachdem ich auch Zeitungen und Lebensmittel im zentralen Einkaufszentrum
erstanden habe, fahre ich weiter. Als sich der Schranken nach Einwurf
einer 1 Euro Münze hebt, verzichte ich auf den Einwurf der zweiten Münze
und wundere mich bloß.
Nach Überquerung des Flusses Garavogue biege ich von der N15 in eine
links abzweigende Straße ein. Dann fahre ich noch ca. 8 Kilometer und
stelle mein Auto auf den Parkplatz des Yeats
Country Hotels.
Nichts wird es mit dem erwünschten Zimmer um 90 Euro: Hotel voll. Aber
ich könnte ja morgen wieder vorbeikommen, vielleicht sei dann etwas
frei. Was nützt mir das heute? Ich zögere nicht, fahre zum Greenlands
Caravan & Car Park westlich des Hotels und buche einen Abstellplatz
(Auto + Zelt) für 13 Euro pro Nacht.
Da auch auf diesem Campingplatz, wie ich ihn nennen will, der Großteil
der Abstellflächen mit teils fix montierten Mobil Homes (ohne Räder)
bzw. mit Wohnwagenanhängern von Dauergästen belegt ist, bleibt nur die
leicht abschüssige Fläche zur Straße: von dort aber hat man eine prächtige
Aussicht.
Die Halbinsel von Rosses Point bildet das Nordufer der Bucht von Sligo.
Sie ist sozusagen das Villenviertel von Sligo, wo sich die Betuchten Häuser
bauen. Ganz am westlichen Ende liegt die Ortschaft Rosses Point –
einstmals ein bescheidenes Fischerdorf, jetzt eine Anhäufung teils
umgebauter alter, teils neu gebauter Einfamilienhäuser der Oberklasse.
Der Ort blühte gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf, als die reichen
Protestanten aus Sligo das Leben in der engen Stadt verdross und sie
sich neue Häuser in der relativen Abgeschiedenheit an der Spitze der
Halbinsel bauten. So zahlreich waren sie, die Reichen, dass sie eine
eigene protestantische Kirche benötigten, am Ufer der Bucht. Die
landschaftliche Schönheit sprach sich herum; die ersten kleinen Hotels
entstanden um 1900.
Auch das Yeats
Country Hotel geht auf ein solches kleines Hotel zurück, das dann
in den 60er-Jahren von den Ryans (denen von Ryanair) durch einen Anbau
aufs Dreifache vergrößert wurde. Ca. 1995 versah man den Anbau auf der
Vorder- und Rückseite mit neuen quasimodernen Fassaden.
Zum Campingplatz zurückgekehrt, genieße ich die prächtige Aussicht. Inmitten
der Bucht liegt die langgestreckte flache Muschelinsel mit ihren 5 Häusern
(drei davon Ruinen), mit
weißen Mauern quer über die Insel, mit 2 frühzeitlichen Hügelgräbern
und einem kleinen Leuchtturm. Blick ich nach Westen, sehe ich Coney
Island mit einer kleinen Siedlung, erreichbar bei Ebbe zu Fuß und mit
dem Auto vom Südufer der Bucht aus. Dahinter dann das offene Meer mit
dem Leuchtturm auf dem Black Rock. Hinter Oyster Island dann der nicht
schiffbare Teil der Bucht und im Süden am Horizont der Berg Knocknarea
mit dem Grab der sagenhaften Queen Maeve obenauf, die sicher nicht so
hieß, handelt es sich beim Grab doch um ein Hügelgrab aus der Frühzeit.
Wen es birgt, ob es überhaupt wen birgt, man weiß es nicht – der Hügel
ist archäologisch nicht untersucht.
Am diesseitigen Ufer, vom Campingplatz nicht zu sehen, ein kleiner Hafen
und ein verfallenes Haus, der einstigen Elsinore Lodge: es ist das Haus,
in dem einst der Onkel W. B. Yeats lebte, und vor ihm ein Schmugglerkönig,
eignete sich der Platz doch dafür, von den englischen Zöllnern
unbemerkt Branntwein und Tabak ins Land zu schmuggeln. Vom Anwesen des
Onkels ist außer der Ruine nichts erhalten außer der ehemaligen
Grundstückseinfahrt, in der Biegung der Dorfstraße. Ein Gedicht von
Yeats erinnert an seinen Onkel:
My name is Henry Middleton,
I have a small demesne,
A small forgotten house that's set
On a storm-bitten green.
I scrub its floors and make my bed,
I cook and change my plate,
The post and garden-boy alone
Have keys to my old gate.
Ich
gehe hinunter zum Strand von Rosses Point. Der Strand bildet die
Westseite der Halbinsel. Am nordseitigen Ende ragt eine flache Felszunge
ins Meer, der eigentliche Rosses Point. Am Südende, dort, westlich des
Campingplatzes, ragt eine bis zu 20 Meter hohe Felszunge ins Meer, Dead
Man’s Point genannt, weil dort im 19. Jahrhundert ein anscheinend
toter Matrose im Sarg auf die Felsen gelegt wurde – Kapitän und
Mannschaft hatten es eilig und wollten rechtzeitig mit der Flut das
offene Meer erreichen, ohne Verzögerungen durch die Behörden. Da sie
sich aber nicht wirklich sicher waren, ob der Matrose tot war, legten
sie ihm – für alle Fälle – einen Laib Brot mit in den Sarg.
Zwischen diesen beiden Felszungen erstreckt sich ein langer und breiter
weißer Sandstrand, landeinwärts begrenzt von grasüberwachsenen
Wanderdünen, die als Golfplatz genützt werden.
Das Wetter verlockt nicht wirklich zu einem Strandspaziergang. Daher
lasse ich den Strandspaziergang bleiben und wandere stattdessen den
halben Kilometer auf dem Fußpfad entlang des Ufers der Bucht von Sligo
zum Hotel. Vorbei komme ich am Metal Man, der lebensgroßen Figur eines
Matrosen aus Gusseisen mit einer Laterne in der Hand, die des Nachts vor
den Untiefen warnt, einem Leuchtturm im Meer gleich. Beim kleinen Hafen
komme ich zu der verfallenen Elsinore
Lodge.
Von der einstigen Pracht ist nichts erhalten, das Haus ist zu verfallen,
um es noch mit vernünftigem Aufwand instand zu setzen.
Während
ich wieder zurück zum Campinplatz gehe, ziehen die Wolken ab: es wird
ein schöner Nachmittag. Da lockt es mich, nach Drumcliff zu fahren und
von dort zum Lissadell House.
3 Kilometer fahre ich in Richtung Sligo, biege dann bei einem Wegweiser
zum Gregg House ab, einem Heim für behinderte Kinder, und fahre auf
Seitenstraßen am Nordufer der Halbinsel bis Rathcormack.
Dort
erreiche ich die Straße nach Donegal und nach einigen Minuten die
Kirche von Drumcliff inmitten einer Baumgruppe mit dem Stumpf eines
Rundturms nahebei und einem keltischen Hochkreuz direkt neben der Straße.
Auf dem Friedhof der anglikanischen Kirche ist W. B. Yeats begraben,
dessen Großvater hier Pfarrer gewesen ist. 1939 in Frankreich
verstorben, ist Yeats wunschgemäß hier nachträglich bestattet worden
und ruht hier neben seiner Frau. Für Yeats-Verehrer ist sein Grab zur
Pilgerstätte geworden: Wann immer man auch vorbeikommt, es stehen
immer, vorwiegend junge, Amerikaner und Amerikanerinnen, in stummem
Angedenken vor dem schlichten Grab; ehe sie gehen, machen die meisten
ein Foto nach dem Motto: Ich und der Grabstein des Dichters, samt
Grabinschrift, Teil eines seiner Gedichte:
Cast
a cold eye
On
life, on death,
Horseman,
pass by.
Der Horseman ist nicht eigentlich der Reiter, der weiterziehen soll.
Yeats hat sein Leben lang spiritistische Neigungen gehabt, war mit
seinerzeit berühmten Spiritistinnen bekannt, befreundet und glaubte an
deren Prophezeiungen – die Horsemen sind Schemen, die ihn in seinen Träumen
verfolgt haben. Von Yeats redet man noch heute, bezüglich seines
theosophischen Vorbildes, der Frau Helena
Petrowna Blavatzky, muss man das Internet bemühen.
Warum ich so ausführlich über Yeats erzähle, Nobelpreisträger für
Literatur zwar, aber in unseren Breiten kaum mehr gelesen? Weil die
Familie Yeats in Sligo lebte und der junge Yeats und sein Bruder die
Ferien großteils im Haus ihres mütterlichen Großvaters in Rosses
Point verbrachten. W. B. Yeats hat diese Zeit in einigen Gedichten
festgehalten, sein Bruder Jack malte eine Reihe von in einschlägigen
Sammlerkreisen bekannten Bildern mit Motiven aus Rosses Point.
Mehr
noch, Yeats hatte die Eigenheit, in manchen seiner Gedichte konkrete Örtlichkeiten
zu nennen: Den Wasserfall von Glencar am gleichnamigen See, den Wald von
Slish und den Felsen
von Dooney schilderte er in (leicht schwulstigen, denke ich
Banause!) Gedichten. Das berühmteste ist wohl das vom Lake
Island of Innisfree im Lough Gill.
Innisfree heißen heute auch Seifen und Parfums, die naturgemäß mit
Yeats nichts
gemein haben. Aber nicht nur Seifen- und Parfumfabrikanten verdienen am
von Yeats bekannt gemachten Namen der Insel (die als solche auch nicht
bemerkenswerter ist als andere Inseln im See, aber die anderen hat er
halt nicht bedichtet). Am Namen Yeats verdient die ganze
Fremdenverkehrsbranche in Sligo und Umgebung. Sein Name und seine
Gedichte werden vermarktet, schön dass er, wie gesagt, konkrete Örtlichkeiten
erwähnte. Yeats entkommt man nicht. Man kann den Wanderungen und Ausflügen
des Dichters folgen, man kann an Autobusfahrten teilnehmen, bei denen
man bequem zum an sich nicht der Rede werten Wasserfall von Glencar
gelangt etc. Nur zum Lake Island fahren die Busse nicht, die Straßen
sind zu schmal. Da muss man sich mit dem eigenen Auto oder Fahrrad oder
zu Fuß hinbegeben. Wissbegierige können jeden August sogar an der von
der Yeats-Gesellschaft veranstalteten Yeats Summer School teilnehmen und
Wissenswertes über den Dichter erfahren.
Hochkreuz und Stumpf des Rundturms in Drumcliff gehören zu einem
ehemaligen Kloster. Haben Sie Ihr Auto auf dem Parkplatz vor der Kirche
geparkt, stehen Sie auf den Grundmauern des alten Klosters. Sollte
jemand hungrig sein, nun, auch die anglikanische Kirche verdient
legitimer Weise am Grab von Yeats: im Besucherzentrum gibt’s Kaffee
und diverse Mehlspeisen und Sandwiches.
Hingegen hat der auf der anderen Straßenseite gelegene große und nach
Yeats benannte Pub mit dem Dichter nur den Namen gemein, hat der Pub
doch zu Lebzeiten des Dichters noch gar nicht bestanden und dient
heutzutage vorwiegend der Verköstigung hungriger Yeats-Fans.
Einen Kilometer nördlich, in Carney, biege ich nach rechts ab und folge
den Wegweisern zum Lissadell House.
Lissadell House, ein graues, schmucklos wirkendes Herrenhaus in
pseudo-klassischem Stil ist seit dem 19. Jahrhundert das Heim der
Familie Gore-Booth, protestantischen Großgrundbesitzern mit einer
interessanten Familiengeschichte, die bis in die Zeit der Eroberung
Irlands durch die Engländer zurückreicht. Über die Herrschaften ließe
sich leicht ein Buch schreiben, namentlich über die männlichen Träger
des Namens, über die jeweiligen Damen weniger.
Ausgenommen natürlich die 1868 geborene Constance Gore-Booth. Weil sie
schön von Angesicht war (ihre Schwester Eva auch) widmete ihr der
sattsam bekannte W. B. Yeats eines seiner bekannteren Gedichte:
The
light of evening, Lissadell
Great windows open to the south,
Two girls in silk kimonos, both
Beautiful, one a gazelle ….
Glauben Sie jetzt aber nicht, es handle sich um eine Lobeshymne. Lesen
Sie bei Interesse das ganze Gedicht.
Constance heiratete einen Grafen aus der Ukraine namens Markievicz und
wurde damit zur Countess Markievicz. Ob sie tatsächlich Countess war,
bestreiten manche, denn die adelige Herkunft des Herrn Gemahls ist nicht
so ganz über Zweifel erhaben.
Trotz ihrer Herkunft als Tochter eines der reichsten Grundbesitzer in
Irland, eines Protestanten noch dazu, wurde sie zu einer der glühendsten
Vorkämpferinnen für ein freies, unabhängiges Irland. Sie nahm am
gescheiterten Osteraufstand teil, wurde von den Briten zum Tod
verurteilt, aber schließlich begnadigt, wurde 1919 die erste weibliche
Ministerin Europas in der Regierung des Freistaats. Daneben entfaltete
sie eine rege soziale Hilfstätigkeit; bei den Armen Dublins war sie als
Madame bekannt und beliebt. Als sie 1927 starb, folgten Zehntausende in
Dublin ihrem Sarg, die Blumenspenden mussten auf mehreren Lastwagen zum
Friedhof gebracht werden.
Heute ist die hohe Zeit irischen Großgrundbesitzes längst vorbei; die
Ländereien der Gore-Booths sind enteignet und aufgeteilt worden.
Geblieben ist der Famlie das Haus und ein wenig Land vom Haus hinunter
bis zur Bucht. Haus und Land ringsum wirken verwildert, wo einst
gepflegte Gartenanlagen waren, weiden Kühe.
Die Besichtigung des Hauses hat einen eigentümlichen Reiz:
Ich trete beim Portikus (oder wie halt eine überdachte Wagenauffahrt
genannt wird) ein und werde von einer älteren Frau empfangen, bei der
ich den Obolus bezahle. Danach lädt sie mich ein, im Zimmer hinter ihr
zu warten. Das Zimmer wird ausgefüllt von einem großen Tisch, auf dem
die Werke von Yeats ausgebreitet sind und eine Reihe von Büchern
verschiedener Autoren über die Countess Markievich.
Nach mir kommen noch ein einige Interessierte, insbesondere eine
grell gelb gefärbte Amerikanerin mit ihrem Mann, der mir nicht in
Erinnerung bleiben wird, weil er den Mund hält, was man von seiner Frau
nicht sagen kann.
Als gegen halb drei Uhr keine weiteren Besucher mehr erscheinen, beginnt
die Führung. Geführt werden wir von der Kassiererin durchs Haus. Sie
spricht jenes wunderschöne Englisch der Upper Class, das sogar ich
verstehe und mir dämmert, sie sei ja vielleicht gar nicht die Kassierin,
sonden die Miteigentümerin von Lissadell House.
Im Hause selbst scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, als wäre sie
1916 angehalten worden: da gibt es die Wiege der Countess zu sehen, ihr
Spielzeug und das ihrer weniger extravaganten Schwester: irgendwelche
Holzpferde und geschnitzte Holzfiguren, die einen Bauernhof
symbolisierten. Ein Segelschiff in einer riesigen Glasflasche, mit dem
auch irgendwer gespielt hatte. Ein ausgestopfter Eisbär, seltsam in
einem irischen Herrenhaus, aber verständlich, wenn man weiß, das
Constances Vater ein leidenschaftlicher Reisender war und allerlei
Expeditionen in unwirtliche Gegenden unternahm, u. a. eben auch in die
Arktis zu den Eisbären, von denen ihm einer vor die Flinte lief. Das
alles wird in einer zweistöckigen Halle dargeboten, groß wie eine
Turnhalle und mit einem Geruch wie in einem Museum. Daneben ein
kleinerer Raum, ca. 5o qm groß, angefüllt mit verschlissenen Möbeln,
teils mit Schonbezügen, die auch schon zerfallen. Auf den Fauteuils
haufenweise Zeitungen, allesamt aus den Dreißigerjahren, wie ich
feststelle. An den Wänden Gemälde von Personen: der Herr Graf
Markievicz hat das Haus der Schwiegereltern mit seinen Werken verziert. Während
der ganzen Führung, bei der die grauhaarige Kassiererin uns Geschichten
aus dem Jahre 1916 erzählte (sie ist die Urgroßnichte der Countess
oder so etwas ähnliches, sagte sie), ruft die Grellgelbe aus Detroit
(wo sie nach Habitus und Sprache anscheinend eine zu Geld gekommene
Hausmeisterin ist) immer
wieder Wonderful und Marvellous. Irre ich mich oder geht sie mit ihrem
Gehabe sogar ihrem Gatten auf die Nerven?
Nach oben marschieren wir sodann, zu den heiligen Hallen, in denen der
berühmte Dichter Yeats und seine weit weniger berühmte Gattin bei
ihren Besuchen gewohnt haben sollen. Zwar mögen die Hallen heilig sein,
berühmt sind sie nicht. Fliesswasser hat es offenkundig nicht gegeben,
nach dem verbeulten Waschtisch zu schließen, und hinter einer Tapetentür,
die ich, neugierig wie ich bin, öffnete, befindet sich ein verstaubtes
Plumpsklo, was die Kassiererin mit spitzem Schrei quittiert: Sir,.....
Sie sagt noch manches, da ich sie aber nicht verstehe, kann ich nur
schließen, ich hätte einen Fauxpas begangen. Freilich ist damit die
Neugier der Grellblonden geweckt: Marvellous and wonderful, und am
liebsten hätte sie das Ding gleich benützt. Die Tapetentür wird
sogleich wieder geschlossen, ich ernte einen bösen Blick. Nach dem
Badezimmer des großen Dichters frage ich lieber nicht, denn offenbar
gab es solchen Luxus nicht.
Ob der Dichter in diesem Zimmer wirklich schlief oder ob es einfach
eines von mehreren Gästezimmern ist, weiß ich nicht.
Überhaupt ist es zwar schön, dass man um seine Besuche in Lissadell
solches Aufheben macht, aber so ungeheuer geschätzt war er auch wieder
nicht, wie man weiß: als Sohn einer Familie, die teils Pfarrer, teils
zu Geld gekommene Kaufleute vorweisen konnte, war er nicht wirklich
standesgemäß, aber halt ein Dichter.
Viele Zimmertüren werden für uns nicht geöffnet, was dahinter liegt,
lässt sich erahnen. Nach diesem Rundgang durchs Obergeschoss steigen
wir nicht nur ins Erdgeschoss hinab, sondern sogar in den Keller. Im
feuchten Gang lehnt ein Fahrrad, das nach seinem Aussehen offenbar schon
von der Countess benützt worden ist; die Führerin allerdings schweigt.
Um genau zu sein, sie schweigt nur zur Geschichte des Fahrrades; nicht
schweigt sie bezüglich der excellent quality ihres Kaffees und ihrer
scones und sonstigen Mehlspeisen (rosarot und giftgrün), die sie im
Keller, gemeinsam mit einer weiteren Alten, die auch nicht anders
ausschaut, sich indessen als Magd entpuppt, serviert (gegen Bezahlung
natürlich und natürlich nicht billig). Die Grellblonde schlägt zu:
laut gurrend häuft sie sich einen Berg Scones und giftgrüne Mehlspeise
auf den Teller und stellt an die Kassiererin eine Vielzahl von Fragen über
Familien, die mit ihrer angeblich verwandt, der Alten aber allesamt
nicht bekannt sind. Da ich giftgrüne Mehlspeisen nicht mag (ich nehme
an, dass es sich um Mehlspeisen handle) und die Scones eher alt
aussehen, trinke ich bloß einen trinkbaren Kaffee. Anschließend
entferne ich mich unauffällig (den Kaffee habe ich bezahlt).
Im Auto vor dem Hause sitze ich noch eine Weile und frage mich, warum
man die Zeit anhalten müsse (an irgend einem Tag des Jahres 1916, wie
mir scheint). Gewiss, die Countess war für uns Heutige sicherlich das
interessanteste Familienmitglied, aber von ihr findet sich nichts –
vielleicht ist, außer den Spielsachen – im Haus auch nichts erhalten.
Bei solchen Führungen interessieren mich namentlich die Türen, die
nicht geöffnet, die Räume, die nicht gezeigt werden. Es wird Gründe
geben: warum sollte man uns durch die heute leer stehende Bibliothek führen,
deren Bücherbestand im Frühjahr 2003 versteigert worden ist. Warum
auch sollte man uns erzählen, dass das Haus verkauft werden wird oder
werden muss, versteigert gar an den Meistbietenden.
Wer wird der neue Eigentümer? Ein dankbares Thema für die Zeitungen.
Die Republik Irland solle kaufen, wollen die einen, schließlich sei
Lissadell das Geburtshaus der Countess Markievicz. Ein Museum zu ihrem
Angedenken solle errichtet werden. Wozu? Was hat denn die Countess
geleistet? Und wenn schon, in Lissadell ist nichts von ihr erhalten.
Seit sie den Herrn Grafen geheiratet hat, ist sie ja nur zu Besuch
gekommen. Es ist ja nicht ihr Haus, sondern ein Herrenhaus wie viele
andere auch.
Man wird sehen, was mit Lissadell House geschieht, habe ich am 3. Juli
2003 geschrieben. Inzwischen weiß man, was geschehen ist: Mitte August
2003 wurde das Haus an einen lieber anonym bleibenden Käufer
verscherbelt. 3,5 Millionen Euro hat der arme Mensch bezahlt - der
Republik Irland war's das Haus nicht wert.
Vom Haus aus folge ich den Wegweisern zur Ausfahrt. Die Straße führt
zum Strand hinunter, einem prächtigen Sandstrand mit Picknickgelände
und, vom Wald bereits verschluckt, den Grundmauern eines weiteren
Herrenhauses. Denn die Gore-Booth hatten Jahrhunderte am westlichen Ende
der Halbinsel ein Herrenhaus bewohnt, ehe sie übersiedelten, Ardtermon
House (heute gehört es einem deutschen Grundstücksmakler). Ihr neues
Heim errichteten sie direkt am Strand, doch erwies es sich als feucht
und unbequem; daher ließ man in zweiter Auflage das heutige Lissadell
House bauen, unter Verwendung des Baumaterials der ersten Auflage.
Nichts
mehr zu sehen gibt es in Lissadell, was für mich von Interesse wäre
– ich fahre zurück nach Rosses Point und gehe am Abend durch den Ort
spazieren, setze mich beim Dead Man’s Point auf eine Bank und wundere
mich wieder einmal über ein Volk, das bis zum Einbruch der Dunkelheit
Sandstrände entlangwandert.
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