Montag, 7. Juni 2004

 

Am Morgen erlebe ich belustigt das alljährlich wiederkehrende Drama der Frühstückszubereitung im Woodfield House Hotel. Als ich gegen 7,30 Uhr im Speisesaal erscheine, rumort es in der Küche. Trotz lautstarker Hustenanfälle meinerseits erscheint erst nach gezählten 7 Minuten eine Servierdame; soweit ich mich erinnere, erblicke ich jedes Jahr eine andere. Anstellungserfordernis für diesen Job muss dort seit vielen Jahren sein, verschlafen, verwirrt und schlecht frisiert aufzutreten, Opfer unbarmherziger Gäste, die zu nachtschlafender Zeit an einem Bankfeiertag ein Frühstück begehren.

Dafür befolgt sie wortwörtlich meine Anweisungen: weil ich nicht <Full Irish Breakfast> verlangte, sondern nur Bacon and Eggs, bekomme ich keine Tomate, keine Würstchen und auch keine Marmalade für den Toast. Und weil ich auf die Frage <Tea or Coffee> nur Coffee sagte, auch keine Milch auf den Tisch gestellt.. Die darf ich mir vom Buffet holen, gemeinsam mit einer kleinen Schachtel Rice Crispies, die dortzulande zu den <Cereals> zählen. Durch diese Eigenleistung komme ich dann doch zu der gewohnten Tasse Kaffee mit Milch. Dass der Kaffee nach buchstäblich nichts schmeckt, ist mein Problem.

Gegen 8,30 Uhr fahre ich in die Innenstadt. Auf der Searsfield Bridge über den Shannon kommt mir ein sehr hübsches Mädchen mit hüftlangen leuchtend roten Haaren entgegen. Kurz geschürzt ist sie freilich, angetan mit einem extrem kurzen gelben Mantel, der vielleicht auch eine etwas längere Jacke sein soll. Rock bzw. Jeans sind ihr freilich über Nacht abhanden gekommen, sehe ich deutlich, als ich ihr im Spiegel nachblicke (unter Wahrung der gebotenen Vorsicht im Straßenverkehr, natürlich). Wenigstens haben die Eltern ein dankbares Thema, über das sie mit der Tochter reden können.

Nach kurzem Aufenthalt, letzter Stadtbesichtigung für heuer, fahre ich Richtung Nenagh auf der N7, biege jedoch noch vor der Stadt bei einem entsprechenden Wegweise Richtung Silvermines ab, der so heißt, weil in dieser Gegend früher Silbererz abgebaut wurde. Übrigens wäre auch heute noch welches da, aber die Kosten der Gewinnung des Silbers im Verhältnis zu den Weltmarktpreisen ……

Einige Kilometer östlich Silvermines biege ich bei einer Tankstelle nach rechts auf die ganz unauffällig beschilderte R 497 ein, auf der ich, streckenweise den Hinweisschildern <Silvermines Drive> folgend durch eine wirklich hübsche und kaum bewohnte Landschaft fahre. Das bisher schöne Wetter ändert sich, während ich diese Straße befahre. Zeitweise fahre ich durch dichten Nebel – in Wirklichkeit sind es tief hängende Wolken, die das Land in Düsternis tauchen.

Sozusagen im Niemandsland trifft die nach Süden führende Straße auf die in west-östlicher Richtung verlaufende R505. Einen Wegweiser gibt es: rechts nach Tipperary, links nach Dundrum. Und bitte, wo geht es nach Cashel, wo ich eigentlich hinwill? Nach links muss ich fahren. Das weiß offenbar ein jeder Autolenker, der an diese Kreuzung kommt, aber vorher kommt eben Dundrum. So ist es.

Was soll ich über den Rock of Cashel Neues schreiben? Ich mache eigentlich dasselbe wieder, was ich schon im Jahr 2000 gemacht habe:

Ich steige zum Eingang hinauf, kaufe die Eintrittskarte, verweigere die Ausstellung mit großteils nachgemachten Sehenswürdigkeiten und audiovisueller Schau in mehreren Sprachen und trete auf den Felsen mit seinen Bauwerken hinaus: der Kathedrale, einem Rundturm, Gräbern, Cormac´s Chapel.

Die Kathedrale ist eine große Kirche, im 13. Jahrhundert errichtet, mehrfach umgebaut. An die Kathedrale anschließend, von manchen Standpunkten gar nicht zu sehen, so unauffällig, ein Höhepunkt romanischer Baukunst,

Cormac´s Chapel eben, in den letzten Jahren restauriert und in neuem Glanz erstanden. Ehrlich, man sieht die neu eingesetzten Steinquader deutlich und viel dürfte nicht viel von der romanischen Kapelle mehr übrig sein. Deutsche freuen sich immer patriotisch beim Anblick der Kapelle: denn an ihrem Bau haben auch deutsche Steinmetze mitgewirkt. Innen ist die Kapelle gewaltig finster und alles in allem ist sie kein freundlich wirkender Bau.

Am Nachmittag steht dann noch ein Besuch bei der Hore Abbey auf dem Programm, die zwar als solche nicht bedeutend ist, von der man aber einen schönen Blick auf den Felsen von Cashel hat. Am besten schaut die Hore Abbey vom Felsen aus, daher findet sie sich auch auf sehr vielen Fotos (leicht erkennbar, von oben (vom Rock of Cashel aus oder der Wiese darunter aufgenommen und am Vormittag frontal beleuchtet).

Über die baugeschichtliche und überhaupt historische Bedeutung der kirchlichen Bauten auf dem Felsen gibt, besser als ich es könnte, eigentlich jeder ordentliche Reiseführer Auskunft. Denn Cashel ist, unbestreitbar, einer der Höhepunkte einer jeden Irlandreise, und das, denke ich, mit Recht. Denn außer seiner geschichtlichen Bedeutung, die den einen interessieren mag, den anderen nicht, ist der Felsen von Cashel mit seinen Ruinen obendrauf vor allem eines: schön anzusehen. Schön anzusehen von der Ferne, ehe man in die Stadt Cashel einfährt, schön anzusehen vom Fuß des 30 Meter hohen Felsens und schön sogar, wenn man oben ist und die Anlage im Detail sieht.

Die Bedeutung des Felsens von Cashel für den Tourismus merkt man sogleich, wenn man sich dem Felsen nähert: Reisende aus aller Herren Länder wuseln umher, droben hört man die Führer und Führerinnen in Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch (jedenfalls) ihren Schützlingen Vorträge halten (bei Reisegruppen aus Japan, Korea und anderswo hilft dann die von der Reisegruppe mitgebrachte Dolmetscherin aus) und es herrscht halt ein gewisses Gedränge. Jedenfalls halten sich zu jeder Zeit in der Ruine der Kathedrale (Cashel war einst Bischofssitz) weit mehr Menschen auf als im Stephansdom zu Wien Gläubige während einer Messe.

An den Touristen will auch die Gemeinde Cashel verdienen: nicht nur im Stadtzentrum gibt es ausschließlich gebührenpflichtige Parkplätze, auch unterhalb des Felsens ist einer. War es noch voriges Jahr so, dass man die Bezahlung verweigern konnte, indem man erst nach 20 Uhr vom Parkplatz fuhr (dann war der Schranken offen), hat man heuer schon Parkautomaten aufgestellt. Auch wer erst nach 18 Uhr wegfährt, muss seinen Obolus bezahlen, so er denn vor 18 Uhr angekommen ist.

Das beim Parkplatz untergebrachte Kulturzentrum <Bru Boru> hat noch nicht Saison oder einfach heute geschlossen. Daher gibt es auch nicht die übliche Vorführung von Volksmusik und Stepptanz am Abend, die an den Abenden viele Besucher anlockt.

Unterkunft finde ich am Fuß des Felsens im Rockside House unmittelbar bei der Abzweigung zum Parkplatz; nichts zu meckern.

An diesem Abend ist mir in der Geborgenheit des Zimmers ein wenig seltsam zumute. Mir fällt es nicht leicht, zu verdrängen, was ich bei einem letzten Spaziergang auf dem Parkplatz hinter der Hauptstraße Cashels gesehen habe:

Der große Parkplatz war  beinahe voll besetzt mit Pkws und Ford Transit-Lieferwagen in einheitlichem Blau; die Anhänger waren großteils bereits abgestellt. Zwischen den Fahrzeugen herrschte emsiges Treiben. Junge Mädchen in dünnen Blusen liefen mit zerzausten kleinen Kindern um die Wette, riefen sich fröhlich irgend etwas zu, was ich nicht verstehe. Junge Burschen sah ich auch, aber sie aßen kein Eis und liefen auch nicht scheinbar ziellos umher, sondern sie waren mit der Aufstellung der Fahrzeuge beschäftigt.

Alle Fahrzeuge hatten irische Kennzeichen und ich merkte, das sind keine sparsamen Touristen, die sich die Gebühr für den Campingplatz ersparen wollen. Um Traveller handelte es sich, welche den Parkplatz zum temporären Heim erkoren haben, misstrauisch beäugt von einzelnen Einheimischen, die neugierig ihren Pub verlassen haben, die Biergläser in den Händen. Die Traveller ignorierten die Menschen um sich, die Sesshaften, die nicht zu ihnen gehören. Neugierig setzte ich mich auf eine Bank, sehe (zum Unterschied zu den Einheimischen) möglichst unauffällig zu den Travellern hinüber. Mein erster Eindruck bestätigt sich: Die Traveller sind ordentlich angezogen, manche sogar mit Sakko und Krawatte (was sie angenehm von mei­nem Aufzug unterscheidet), die Mädchen modisch, alle miteinander wirken reinlich. Wüsste ich nicht, woher sie kommen und wer sie sind, sie wären von den übrigen Iren nicht zu unterscheiden. Vielleicht kam es mir nur so vor, aber die jungen Mädchen sind im Durchschnitt hübscher als gleichaltrige, sozial angepasste Irinnen.

Die Mehrzahl der jungen Leute konnte wahrscheinlich nicht lesen, oder nur so viel, dass sie einen Führerschein erwerben konnten. Viele werden nicht wissen, dass sie An­spruch auf ärztliche Behandlung haben und im Krankheitsfall ihre eigenen Heiler besuchen, welche sie mit Kräutern und Beschwörungen behandeln werden. Die Jungen (und ihre Eltern) werden sich mit allerlei Gewerben durchs Leben brin­gen, mit dem Sammeln alter Autobatterien etwa, mit dem Handel mit Bodenbelägen, aber traditionell auch mit Pferde­handel und mit dem Verkauf von Hunden und Katzen. Die jungen Mädchen werden recht früh Verbindungen mit jun­gen Burschen eingehen und eigene Familien „gründen“, das heißt, das Mädchen wird zum ersten Mal schwanger werden und - wenn alles gut geht - in einen eigenen Wohnwagen einziehen.. Heiraten werden sie nicht; die wenigsten sind getauft, und viele ihrer Kinder werden früh sterben. Die, welche überle­ben, werden von klein an in die Hausarbeit eingebunden; wenn sie ein wenig größer sind, wird ihnen die Aufsicht über die jüngeren Geschwister übertragen werden.

Von diesen Leuten wendet Irland den Blick ab. Ihr Elend interessiert die Iren nicht, sie wollen damit nicht in Berüh­rung kommen. Auf den meisten Parkplätzen findet sich bei der Einfahrt ein Gestell mit einem Querbalken in passender Höhe, damit den Parkplatz die Traveller mit ihren Wohnwa­gen nicht benützen können - ich allerdings auch nicht, so lange ich noch meinen Kleinbus besaß. Immer wieder sieht man die ominösen Schilder: „No overnight parking“, um die Traveller fernzuhalten, alle Tore auf Wiesen und Weiden sind fest verschlossen und wäre ausnahmsweise genug Platz neben der Straße, liegt gewiss ein großer Felsbrocken dort.

So wie die Traveller von der Gesellschaft ausgestoßen wer­den, so wenig versuchen sie sich anzupassen. Die wenigen zaghaften Versuche, sie sesshaft zu machen, sind gescheitert, weil die Bürger murrten. Die Toiletten hätten sie ver­schmutzt, Passanten angebettelt, Unrat weggeworfen: die auf dem Parkplatz in Cashel hatten neben jedem Wohnwagen einen orangefarbenen Mistkübel aufgestellt.

Dass die durchschnittliche Lebenserwartung der Traveller  nur 45 Jahre beträgt, interessiert vielleicht die Traveller, aber sonst niemandem. Man weiß nicht einmal, woher sie kommen. Manche nehmen an, sie seien die Nachkommen der von den Grundbesitzern verjagten Pächter, was bei einzelnen zutreffen mag. Mit der Umstellung von der Acker- auf die Weidewirtschaft sind Mitte des 19. Jahrhunderts von den englischen Grundherren und ihren Erfüllungsgehilfen zahllose irische Pächter auf die Straße gesetzt und ihre Häuser zerstört worden. Davon sieht man nichts mehr, denn von den Katen aus Rasenziegeln, Lehm und Weidenruten ist nichts übrig geblieben.

Im Zug der großen Hungersnot haben weitsichtigere Grundher­ren das landlose irische Gesindel vielfach auf eigene Kosten nach Neufundland und nach Amerika spediert, um es loszu­werden. Mag sein, dass einige davon ein Vagabundenleben in Irland vorgezogen haben. Jedenfalls sind die Traveller keine Zigeuner, sondern echte Iren, die sich in ihrer rassischen Abstammung in nichts von den übrigen Iren unterscheiden. Ja, man sagt, sie verkörperten den keltischen Menschentyp viel reiner als die Iren, von denen viele Angelsachsen unter ihren Vorfahren haben. Das erklärt die große Zahl von rot­haarigen, sommersprossigen Menschen mit heller Haut..

Ich bringe es nicht übers Herz, ein Foto von dem pittoresken Treiben zu machen, obgleich es einigermaßen unauffällig wohl möglich wäre.

Ich schäme mich einfach zu sehr, wenn ich an die Bequemlichkeit meines eigenen Lebens denke, an den relativen Reichtum, an das viele Geld, das ich letztlich unnötig für diesen Urlaub ausgebe. Ich weiß schon, ich erbrachte mein Arbeitsleben lang eine Leistung für die Ge­meinschaft, welche dieser eben Geld wert ist, und die Traveller erbringen eine solche Leistung für das irische Volk eben nicht. Sie leben ihr eigenes Leben unter den Iren. Manchmal verstoßen sie gegen die Regeln für das Zusammenleben, dann werden sie eingesperrt; zufällig verhängen die irischen Richter bei Travellern immer viel längere Gefängnisstrafen für diesel­ben Vergehen, als sie bei sozusagen normalen irischen Misse­tätern verhängen.

Aber letztlich ist es doch ein Zufall, denke ich, dass ich das Kind meiner Eltern bin und nicht das Kind von zwei Travellern. Was wäre wohl aus mir geworden? Höchstwahrscheinlich wäre ich schon tot, schon als Jugendlicher an den Folgen der zahlreichen Mandelentzündungen gestorben oder an der Blinddarmentzündung, die ich über­standen habe.

 

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Erstellt am 25. Juni 2004

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