Clonmacnoise
- Cashel
(6. Juli 2000)
Geplärr weckt mich, ein ganzer Chor von Schafen hat sich um das Auto
versammelt. Im Osten rötet sich ein wolkenloser Himmel. Da ich ohnehin
wach bin - ausgeruht auch - beschließe ich aufzustehen. Inzwischen ist das
Geplärr verstummt. Wie auf Befehl sind die an die 1oo
Schafe losgetrottet und haben auf der Wiese zerstreut und tun, was
Schafe immer tun. Der Parkplatz vor dem Friedhof von Clonmacnoise ist schafleer und still. Nur die Schafscheiße
ist zurückgeblieben. Einem Polizisten möchte ich nicht begegnen, er
würde meinen Zickzackmarsch wahrscheinlich auf Alkohol zurückführen,
dabei will ich bloß den vielfach vorhandenen Hinterlassenschaften ausweichen.
Allerdings würde es ihm nicht viel anders ergehen.
Frühstück gegessen, Kaffee getrunken, Auto aufgeräumt,
überklettere ich die Steinmauer zum Friedhof mit den Kirchenruinen.
Als
die Sonne durchkommt, mache ich viele schöne Bilder von Clonmacnoise
und den Nebelschwaden über dem Shannon . Noch immer liegt vollkommene
Stille über der Landschaft, bis dann das erste Motorboot den Shannon
herunterfährt und an der Landestelle anlegt. Da ist es schon 9 Uhr und
der Trubel setzt ein. Beim Eingang herrscht jetzt schon heftige Betriebsamkeit
. Der
erste Reisebus mit Österreichern ist erschienen, der Reiseführer bellt
Befehle und alle gehorchen gehorsam. Es ist wie im Theater, wenn man uns
Österreicher karikiert. Ich mache mich aus dem Staube; mit denen da will ich
nichts zu tun haben. Die Flucht mißlingt, prompt redet mich einer
an, zweifelt gar nicht, dass ich seinen Tiroler Kauderwelsch verstehe.
Eine ganz besondere Schar ist das, stellt sich heraus: Schuldirektoren,
Professoren, Beamte, Beamtensgattinnen anscheinend. Natürlich ist
auch eine Frau Amtsrat dabei, entweder selbst eine oder eine
Amtsratsgattin. So genau nimmt es der Österreicher nicht, ein Titel
muss her, sonst ist man ja geradezu ein Nackedei. Und hat man keinen
Titel, ist man mindestens ein Doktor oder ein Ingenieur. Die
Herrschaften in diesem Bus absolvieren eine Kulturreise, daher schlafen
sie nicht in einem Hotel, sondern in mitgeführten Zelten, die jeden
Abend anderswo aufgestellt werden und essen aus heimischen
Konservendosen. Na fein. Fehlt noch, dass einer behauptet, sein
heimisches Schleppe-Bier aus Klagenfurt sei besser als das Guinness.
Bevor das kommt, such´ ich das Weite. Vorher habe ich
noch, wie jedes Jahr, diesmal aber in Clonmacnoise, meine
jeweilige alte Reisejacke über einen Zaunpfahl gehängt und mich der
Sache enteignet. Auf die Weise habe ich weniger Reisegepäck auf der
Heimfahrt und vielleicht mache ich irgendwem mit meiner Reisejacke eine
Freude.
Bis Cloghan geht´s auf mir schon von gestern vertrauter
Straße. Über Birr und Roscrea fahre ich bis Cashel.
Ich stell das Auto gebührenfrei auf dem Parkplatz hinter
der Hauptstraße ab (Zufahrt von der Straße nach Clonmel), gehe an
einem Supermarkt vorbei auf die Hauptstraße und von dort nach Norden
zur Sehenswürdigkeit des Ortes: dem Rock
of Cashel.
Ich steige zum Eingang hinauf, bezahle, verweigere die
Ausstellung mit nachgemachten Sehenswürdigkeiten und audiovisueller
Schau in mehreren Sprachen und trete auf den Felsen mit seinen Bauwerken
hinaus: der Kathedrale, einem Rundturm, Gräbern, Cormac´s Chapel. Die
Kathedrale ist eine große Kirche, im 13. Jahrhundert errichtet,
mehrfach umgebaut. An die Kathedrale anschließend, von manchen
Standpunkten gar nicht zu sehen, so unauffällig, ein Höhepunkt
romanischer Baukunst, Cormac´s Chapel eben, in den letzten Jahren
restauriert und in neuem Glanz erstanden. Ehrlich, man sieht die neu
eingesetzten Steinquader deutlich und viel dürfte nicht viel von der
romanischen Kapelle mehr übrig sein. Deutsche freuen sich immer
patriotisch beim Anblick der Kapelle: denn an ihrem Bau haben auch
deutsche Steinmetze mitgewirkt. Innen ist die Kapelle gewaltig finster
und alles in allem ist sie kein freundlich wirkender Bau.
Am Nachmittag steht dann noch ein Besuch bei der Hore Abbey
auf dem Programm, die zwar als solche nicht bedeutend ist, von der man
aber einen schönen Blick auf den Felsen von Cashel hat. Am besten
schaut die Hore Abbey vom Felsen aus, daher findet sie sich auch auf
sehr vielen Fotos (leicht erkennbar, von oben aufgenommen und am
Vormittag frontal beleuchtet).
Danach lese ich dann auf dem Parkplatz in meinen
Unterlagen, was ich alles nicht gesehen habe, obgleich ich doch
vergleichsweise lange in Irland gewesen bin. Leid tut mir, dass ich
nicht nach Newgrange gekommen bin, ich, der ich mich für die Denkmale
der frühen Bewohner Irlands so interessiere. Ich weiß, Newgrange ist
verdientermaßen überlaufen, vor allem, seit das irische Fernsehen in
nicht ganz echten Aufnahmen gezeigt hat, dass am Tag der
Sommersonnenwende die aufgehende Sonne bis ins Innere der zentralen
Kammer leuchtet (bzw. vor 4000 Jahren geleuchtet hätte, falls an
entsprechenden Morgen die Sonne nicht von Wolken verdeckt war). Nach
Trim hätte ich fahren können. Die Burg von Trim ist nach mehrjährigen
Bauarbeiten fertig restauriert worden und seit Juni wieder zu
besichtigen. Die Bauarbeiten an dieser größten Burg Irlands
haben seinerzeit länger gedauert, 30 Jahre. Damals war die Burg nicht
nur die größte Burg Irlands, sondern überhaupt das größte Gebäude
auf der Insel. Bewohnt war die Burg nicht sehr lange. Schon im 14.
Jahrhundert verfiel sie. Eine angenehme Wohnung war sie nie, dazu ist
sie zu finster, zu kalt, zu unfreundlich gewesen, selbst für die
damaligen Bewohner, die ja einiges an Ungemütlichkeit gewöhnt waren,
vor allem, weil sie nichts anderes kannten. Nach Kerry hätte ich fahren
können, an die Südküste, an der sogar Palmen, wenn sie gehätschelt
werden, wachsen, vieles andere hätte ich tun können.
Irgendwann werde ich Versäumtes nachholen, sage ich mir,
aber das sage ich mir seit 20 Jahren.
Bei derlei Gedanken vergeht die Zeit und ich fahre zum
gebührenpflichtigen Parkplatz unterhalb des Felsens und parke das Auto
für die Nacht. Man zahlt bei der Ausfahrt und nach 20 Uhr und bis 9 Uhr
früh ist der Ausfahrtschranken auch ohne Münzeinwurf offen.
Auf der Hauptstraße entdecke ich ein Pub nicht nur mit
interessanter Auslage mit alten Gerätschaften, sondern auch mit Live
Music und höre, ein wenig melancholisch, den Liedern zu.