Sonntag, 6. Juni 2004

 

Sonnig ist der Morgen, wie ich beim Aufwachen um 6 Uhr feststelle. Und ruhig ist es, die Leute auf den Booten schlafen noch den – vielleicht – Schlaf der Gerechten, eher aber den Schlaf angetrunkener Nachtbrüller. Keine Regel indessen gibt es ohne Ausnahme: 2 Herren sind bereits an Deck und arbeiten an der Takelage ihrer Segelboote. Damit könnten sie sich wahrscheinlich Zeit lassen: die Boote im Hafenbecken sind geschlichtet wie Sardinen in der Dose und die Leute auf den zuletzt eingelangten Booten waren  wahrscheinlich auch die letzten Brüller der vergangenen Nacht.

Und noch mehr Leute müssen wach sein: als ich niesend an den Booten vorbeigehe, wünschen mir zwei verschiedene Stimmen auf englisch Gesundheit,  denke ich. Vielleicht wünschen sie mir Störer ihrer wohlverdienten Nachtruhe aber auch etwas ganz anderes, Dass ich verschwinden solle, wäre da wohl das Mindeste.

Das tue ich gegen 8 Uhr: ich fahre los Richtung Nenagh, biege dann auf die R694 Richtung See ab; den fahre ich entlang, der Karte nach, sehe ihn aber selten und wenn, dann weit entfernt im Westen. Erst als ich nach Garykennedy abbiege, gelange ich wieder zum Seeufer, zu einem recht hübschen kleinen Hafen mit dem bescheidenen Rest einer Burg neben dem Hafenbecken. Schön anzusehen, sonst nicht der Rede wert, aber immerhin einer grünen Hinweistafel mit entsprechenden Erläuterungen wert.

Limerick, in das ich gegen 10 Uhr komme, wirkt, da Sonntag, nahezu ausgestorben. Ich parke beim Bahnhof, gehe an teils ruinösen, teils baufälligen, zumindest aber abgesandelten Häusern vorbei, die förmlich nach Renovierung schreien.

Viel ist gebaut worden in Limerick in den letzten Jahren, aber die Armseligkeit der 40er-Jahre, die Frank McCourt in seiner auch verfilmten Semi-Autobiographie <Angela’s Ashes> so eindrücklich beschreibt, hat sich in der Gegend zwischen Bahnhof und Shannon doch noch erhalten.

Im McDonalds neben der Buchhandlung Eason in der Liddy Street esse ich ein Big Breakfast und komme mit 2 Studentinnen aus Amerika ins Gespräch, die auf der Suche nach ihren <Roots> durch Irland reisen. Gestern waren sie dort, wo ich eigentlich heute hinwill: beim Carrigafoyle Castle an der Mündung des Shannon ins Meer. Das Castle ist wegen Renovierung geschlossen und wird es, bei irischem Bautempo, wohl das ganze Jahr 2004 bleiben, meinen meine beiden Gewährsleute. Schade: dieses Castle hat eine interessante Eigenschaft (eine interessante Geschichte auch, aber die haben viele Castles). Der Wohnturm ist zur Hälfte weggebrochen, man kann die Raumaufteilung im Inneren – samt den eingebauten Geheimtreppen in der Außenwand – gut von außen erkennen. Und man kann auf der offiziellen Treppe in der verbliebenen Hälfte des Gebäudes  in die Obergeschosse hinaufsteigen und sich leicht vorstellen, wie man in solchen Turmhäusern in der frühen Neuzeit gelebt hat.

Nichts wird es also mit meiner Reise Richtung Westen. Statt dessen stelle ich mein Auto beim King John’s Castle und bei den nachgemachten Original-mittelalterlichen Pubs ab, bei den Touristen beliebte, bei den Architekten verhasste Gebäude. Dort lese ich die Sonntagszeitungen, die voll sind mit Berichten über die Landung der Alliierten in der Normandie vor genau 60 Jahren. Sogar 80- und 90-jährige ehemalige Soldaten werden in Text und Bild vorgeführt, die ihrer Erlebnisse am 6.6.1944 gedenken – und der vielen dabei ums Leben gekommenen Kameraden. Von der großartigen Bedeutung dieser Landung für die Freiheit Europas schwärmen sie, ihre gefallenen Kameraden würden wohl die Akzente ein wenig anders setzen, könnten sie noch reden.

Und leider gar nicht erwähnt werden die Leiden und der Tod so vieler damals genauso junger Soldaten der Wehrmacht. Waren denn nicht auch sie auf Grund allgemeiner Wehrpflicht eingezogen worden, hatten nicht auch sie Mütter, Frauen oder Kinder, die um sie weinten? Oder ist das zu erwähnen vielleicht politisch nicht korrekt?

Auch die dickleibigste Sonntagszeitung ist einmal ausgelesen. Inzwischen ist es ohnehin bereits Mittagszeit.

In der Ennis-Road quartiere ich mich im Woodfield House Hotel ein. Wie stets müssen andere Gäste die komfortablen, stilvoll eingerichteten Zimmer bekommen haben, von denen im Lonely Planet Führer die Rede ist.

Am Nachmittag fahre ich nach Killaloe am Shannon, einem idyllisch gelegenen kleinen Städtchen mit schmaler und alter Brücke über den Fluss ins gegenüberliegende Ballina.

In Killalloe übernehmen viele Touristen die für die Fahrt auf dem Shannon gemieteten Boote. Auch deshalb herrscht bei der Anlegestelle drüben in Ballina beträchtliche Betriebsamkeit. Die Gäste in Molly’s Bar singen auf der Terrasse aus Leibeskräften (der Geist ist willig, die Stimme schwach, sagt nicht so das Sprichwort?) und tragen sicherlich zur Stimmung bei.

Schön ist es, am Ufer in der Sonne zu sitzen und dem regen Treiben auf dem Shannon zuzusehen. Man muss nicht gleich ein Wohnboot für eine mehrtägige Fahrt mieten, um auf dem Shannon herumzufahren. Es gibt auch einige Bootsvermietungen, bei denen man kleinere Motorboote mieten kann, ein großer Spaß für ganze Familien, die Kinder kaum sichtbar in ihren orangeroten Schwimmwesten, dafür aber hörbar, während sie ins Boot klettern, danach aber nicht mehr – der Motor lärmt und überdeckt Entzückens- wie auch allfällige Entsetzensschreie des Nachwuchses.

Der Parkplatz in Killalloe südlich der Brücke muss sich in den vergangenen Jahren offenkundig zum Geheimtipp für Wohnmobilfahrer entwickelt haben. Gegen 6 Uhr abends ist mein Auto von deutschen Wohnmobilen faktisch eingekreist: rechts, links, hinten steht eines, nur vor meinem Auto nicht – da fließt der Shannon.  Ausparken kann ich nur, weil der Fahrer des Wohnmobils hinter meinem Auto mich einweist, tut er sichtlich gerne, hat er doch gleich bei seiner Ankunft gefragt, ob ich wirklich die ganze Nacht über bleiben wolle. So kommt denn auch er zu einem schönen Parkplatz inmitten Gleichgesinnter.

Warum ich in Killaloe und in Ballina auf der anderen Seite des Shannon bloß herumgesessen bin und mir die Leute und die Landschaft betrachtet habe, anstatt Sehenswürdigkeiten?

Einfach: in Ballina gibt es keine Sehenswürdigkeiten; der in seiner Grundsubstanz noch erhaltene alte Bahnhof, von dem aus man in seinen besten Zeiten mit direkten Zügen bis Dublin fahren konnte, ist heute ein im Umbau befindliches Pub. Und in Killaloe gibt es nur sehr bescheidene Sehenswürdigkeiten: neben der Pfarrkirche auf dem Hügel (19. Jahrhundert, wie sie ausschaut) eine kleine Kapelle, die einst wo anders stand, an sich aus dem 12. Jahrhundert, aber so oft umgebaut, renoviert etc, dass vom ursprünglichen Bau kaum mehr etwas übrig geblieben ist. Noch eine zweite Kapelle gibt es, nahe der Brücke, die ist aber aus ähnlichen Gründen nicht mehr echt, nur stand sie nicht früher auf einer Insel im Shannon, wie die vorher genannte. Tja, und wäre ich Biertrinker, im Ort Killaloe gibt es eine ganze Menge Pubs, die teilweise ganz hübsch eingerichtet sind, doch dazu müsste ich abends nochmals kommen. Bei Tag ist nicht viel los. Sollten Sie dennoch auf die Sehenswürdigkeiten neugierig sein, vergessen Sie nicht, von der Hauptgasse zur Pfarrkirche auf dem Hügel hinauf links in eine Seitengasse einzubiegen: dort sehen sie, wie ganz Irland noch in den 50er-Jahren ausgesehen hat.

Ins Hotel in Limerick zurückgekehrt, verbringe ich dort einen ruhigen Abend.

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Erstellt am 25. Juni 2004

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