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Limerick
- Clonmacnoise
(5. Juli 2000)
Auf gehts.
Über Killaloe fahre ich durch eine schöne Landschaft des Lough Derg
bis nach Portumna, einer sehr hübsch gelegenen kleinen Stadt mit einem
ausgebrannten Herrenhaus und den Ruinen eines kleinen, idyllisch
gelegenen Klosters am See, direkt neben einer ganz modernen Marina, in
der mehrere Mietboote und deren Mieter die Nacht verbracht haben. Dafür
sind Marinas ja unter anderem da. Portumna besteht eigentlich nur aus
zwei parallelen Straßen, der Hauptstraße und einer Hintergasse. In der
könnte ich mir das Haus anschauen, in dem bis vor 10 Jahren einer der
schrecklichsten Mörder Irlands gewohnt hat, ehe er gefasst und
verurteilt wurde. Inzwischen ist er so tot wie seine Opfer.
Gerechtigkeit?
Auf Nebenstraßen geht´s sodann ein wenig unübersichtlich
bis Ballinasloe und dort Richtung Shannon Bridge weiter, was den
Charakter des Ortes durchaus richtig umschreibt. Vorher aber biege ich
noch auf eine weitere Nebenstraße ab, schaffe Begegnungen mit mehreren
Wohnmobilen - gerade auf den schmalsten Straßen kommen einem die
breitesten Wohnmobile entgegen - und komme schließlich auf die
Straßenkreuzung, bei der ich gerade aus auf den Parkplatz fahren
könnte. Tue ich nicht, vor der Schule biege ich rechts ab, fahre ein
Stück aufwärts über einen Esker drüber und biege dann links ab auf
schmalen Weg, der zum Friedhof führt. Dort parke ich.
Auf der Vorderseite zahlt der Tourist Eintrittsgeld für
die Besichtigung, auf der Rückseite betritt der Wissende die Stätte
gratis - nicht, dass ich Sie verleiten möchte, den irischen Staat zu
schädigen. Ich erspare mir daher die audiovisuelle Schau im Pavillon,
mit der das Eintrittsgeld gerechtfertigt wird.
Glück wie ich habe, scheint die Sonne und weiße
Haufenwolken stehen am Himmel. Hier bin ich auf einem der berühmtesten
Stellen der frühmittelalterlichen Christenheit: Als Österreich noch
Urwald war, lebten in Clonmacnoise mehrere hundert Mönche zur höheren
Ehre Christi. In der ganzen damaligen abendländischen Welt waren sie
bekannt und berühmt: mit Karl dem Großen wurden Botschaften
ausgetauscht. Geht man heute über den Friedhof, die historische
Städte, ist von all dem nicht viel zu spüren: Geht
man heute über den alten Friedhof (mit teilweise noch in jüngster Zeit
neu belegten Gräbern) mit den Kirchenruinen ist von all dem nicht viel
zu spüren: Viele Bauten sind haben ihre heutige Gestalt erst im
Mittelalter erhalten, andere Artefakte, etwa ein Hochkreuz beim Eingang,
angeblich eines der schönsten, ist von der Witterung fast völlig
unkenntlich gemacht worden. Nur am frühen Morgen und am späten Abend
zeichnen sich im streifenden Licht die Konturen der Figuren noch
einigermaßen deutlich ab. Vor allem aber sind die Ruinen der Kirchen
von Clonmacnoise erhalten geblieben: wie üblich ist alles von Cromwells
Soldaten niedergebrannt worden, was brennbar war. Übrig blieben die
steinernen Mauern mit ihren leeren Fensterhöhlen. So kann man das
grasbewachsene Innere der Kirchen betreten und die Dohlen stören, die
hoch oben in ihren Nestern brüten. Drinnen gibt es nichts zu sehen als
nacktes Mauerwerk ohne Verputz: und doch, an einem Morgen etwa, bevor
die Touristenscharen einfallen, ist in der völligen Stille die
Kleinheit und Bescheidenheit der Bauten ein edles Zeichen für die wahre
Christenheit.
Zum Ufer des Shannon
hin dann ein wahres Kleinod: eine kleine Kirche mit Stumpf eines
Rundturmes, ganz gewiss einer der schönsten und der für mich
typischeste Anblick in Irland: hinter den Ruinen im Licht glänzend der
Shannon, träge dahinfließend in Richtung Limerick und dem Atlantik.
Eindrucksvoller ist der große, gut erhaltene Rundturm am Rand des
heutigen Friedhofes, historisch wichtig, weil in ihm die Reste
verkohlten Holzes und menschlicher Gebeine gefunden wurden. Lange hat
man gerätselt, welchem Zweck die Rundtürme wirklich dienten.
Schutztürme waren sie nämlich nicht, oder nicht in erster Linie. Nur
in den wenigsten Ruinen solcher Türme hat man wie hier Brandreste und
menschliche Gebeine gefunden. Doch hier in Clonmacnoise haben sich
offenkundig die Mönche vor Angst verkrochen und sind ausgeräuchert
worden. Kein Wunder, wurde doch Clonmacnoise allein von den Wikingern
über zwölfmal geplündert,
zusätzlich die Plünderungen durch Normannen und Gälen, die dennoch
die Mönche nicht zur Aufgabe zwangen. Das schaffte erst Cromwell mit
seinen Soldaten.
Im
Jahre 791 sammelte ein irischer Mönch namens Connachtach, Abt des
Klosters auf der Insel Iona vor der Küste Schottlands eine Gruppe von
Illustratoren und Kalligraphen um sich. Sie kamen aus Konstantinopel,
aus Italien, Northumberland und aus Irland. Connachtach hatte sie
zusammengebracht, um das wohl schönste Buch in der Geschichte der
Menschheit schreiben zu lassen.
Man
weiß heute, daß 9 "Scriptores" an diesem allerschönsten
Buch gearbeitet haben. Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass sie
sich auf Seite 2o2 des Folianten verewigten, vier blonde und fünf
dunkelhaarige Künstler, die sich am Blatt "Die Versuchung" in
einer Gruppe mit Christus selbst versammeln. Vier der Autoren waren
sogenannte "Meistermaler", die von Connachtach selbst
angeführt und befehligt wurden. Die anderen fünf taten nur die
sogenannten niedrigen Arbeiten, d.h. sie bereiteten die Seiten vor,
mischten die Farben. Denn auf dem Felsen von Iona war der Unterschied
zwischen den einfachen Mönchen und den Mönchen, die die kostbaren
Handschriften erstellten, noch größer als sonstwo in Irland. Wie die
Wissenschaft annimmt, mussten die Scriptores besondere Eigenschaften
erf³llen: Brille und Vergrößerungsglas waren noch nicht erfunden, die
Scriptores mussten daher kurzsichtig sein. Wenn man das Book of Kells
unter einem starken Vergrößerungsglas betrachtet, erkennt man erst die
Feinheit der Dekorationen. Sie zeigen eine minuti÷se Sicherheit und
eine überwältigende Exaktheit. So ist der Kopf des Evangelisten Lukas
etwa einen Zentimeter groß, dennoch sind die Augenbrauen klar
gegliedert, dennoch haben die Augen erkennbare Pupillen. Der Mann
besteht zu einem Teil aus Mann, zu einem Teil aus Frau, zu einem Teil
aus Fisch. So hat er blaue Flossen auf jeder Seite des
Körpers und ihn umgeben Serien von Spiralen und Ornamenten. Eine Reihe
von Adlern steht Lukas gegenüber - jeder von ihnen hat einen anderen
Ausdruck im Gesicht.
Wenn
man die Arbeit der neun Maler zu identifizieren versucht, stößt man
bald auf zwei, die sich durch ihren unterschiedlichen Malstil
unterscheiden.
Einer
von ihnen war, nach allem, was die Wissenschaft herausgefunden hat,
wahrscheinlich schottischer Herkunft. Vielleicht war er auch Ire; das
ist heute nicht so wichtig, denn nähere Details werden wir sowieso
nicht erfahren. Wichtig ist allerdings, dass er offenkundig die
Tradition der keltischen Metallarbeiten beherrschte, was sich in den von
ihm gezeichneten Bildern äußert.
Der
andere, wichtige, herausragende Scriptor kam aus dem Mittelmeerraum oder
hatte dort zumindest die Grundlagen seiner Kunst erlernt und war von ihr
geprägt worden. Wahrscheinlich hat er die koptischen Gebetb³cher und
die aus Syrien gekannt; mit Sicherheit war er mit der byzantinischen
Kunst bekannt. Von ihm stammt mit ziemlicher Sicherheit die sogenannt
"Chi-Roh"-Seite. Auch von ihm stammt jene Katze, die auf einer
der Seiten den linken Rand hinaufklettert.
Was
war nun das Book of Kells? War es einer jener Bücher, die, wie überall
im christlichen Irland, zur höheren Ehre Gottes hergestellt wurden? Wie
die Gelehrten heute glauben, war es etwas anderes, zumindest auch. Das
Book of Kells bewahrte Kenntnisse und Fähigkeiten, die zum Vergessen
verurteilt waren, diente es der Rettung sogenannter abendländischer
Kunst und Kultur vor dem Ansturm von Völkern ohne Kultur, wie die
Wikinger damals erscheinen mussten, Denen,
die das alles unter größten Opfern geschaffen, lag alles daran, es
auch vor dem Ansturm der Wilden zu retten.
Als
ca. im Jahre 820 die Wikinger Iona überrannten, verteidigten die
Mönche ihr Werk: nicht eben die kostbaren Scriptores, sondern die
gewöhnlichen Mönche. Sie wurden - natürlich - besiegt, an die achtzig
wurden getötet, der Abt - immer noch Connachtach - hatte das Unglück,
lebend in Gefangenschaft zu geraten und erlitt das Schicksal, das
solchen feindlichen Anführern, waren sie einmal besiegt, nun einmal
bereitet wurde: zunächst wurde er kastriert, anschließend geköpft,
dann wurde der kopflose Leichnam, dem dies nichts mehr antat, über die
Insel geschleift und schließlich von einer Klippe ins Meer gestürzt -
Zeichen der vollkommenen Vernichtung und Warnung an alle, die vielleicht
in Zukunft auf die Idee kommen sollten, Widerstand zu leisten.
Das
Buch freilich fanden die Wikinger nicht; sie suchten ja auch nicht
danach. Den Umschlag Im
Trinity College in Dublin ist es seit 1631 aufbewahrt und nunmehr auch
für mich sichtbar, unter einem Glassturz und täglich mit anderen
Seiten aufgeblättert, um den unvermeidlichen Verwitterungsprozess
aufzuhalten. Ich frage mich freilich, ob ich da noch wirklich das
Original sehe: seit einigen Jahren gibt es Faksimile-Ausgaben, die für
mich, den Laien, nicht anders aussehen als das Original.
Untertags
wird Clonmacnoise von Touristen überschwemmt. Mit Recht natürlich will
ein jeder Clonmacnoise besuchen, denn es ist wirklich eine jener
Stätten, in denen man am eindrücklichsten mitbekommt, was
mittelalterliches Mönchstum wirklich bedeutete. Aber angesichts der
Betriebsamkeit wandere ich nach Osten, durch den neuzeitlichen Friedhof
und durch ein kleines Türchen auf den Fahrweg zur Nun´s Church mit
ihrem wunderschönen romanischen Portal und dem nicht weniger schönem
Chorbogen, mitten unter hohen Bäumen gelegen. Die ist so nahe und doch
so abgelegen, dass außer mir keiner hinkommt und ich, nur von
blökenden Schafen betrachtet, den Anblick genießen kann.
Am Nachmittag wandere ich durch das Ruinengelände, steige
bei der kleinen Kirche mit Rundturm über die Mauer und schlendere durch
eine Weide zu den Ruinen einer Normannenburg am Shannonufer. Dies ist
nicht der erste Bau an dieser Stelle; vorher stand da das Haus des Abtes
etwas abseits des eigentlichen Klosters. 1212 wurde statt der Ruinen des
schon etliche Jahre vorher bei einem Überfall abgebrannten Hauses die
Burg gebaut, wobei auf den Graben und Schutzwall nicht vergessen wurde,
der das Gemäuer auch heute noch deutlich sichtbar umschließt. Dass die
Burg so richtig in sich zusammengebrochen erscheint, verdankt sie der
Eroberung durch Soldaten Cromwells, welche sie in die Luft sprengten.
Früher konnte man in den Ruinen umherspazieren, heutzutage hat man die
Ruine zum Schutz der Touristen vor sich selbst mit Stacheldraht
eingezäunt, nicht schön, aber wirksam und nötig. Zu Füßen der Burg
befand sich einst eine hölzerne Brücke über den Shannon, deren
Fundamente im Fluss in den letzten Jahren ausgegraben und in ein Museum
zur Konservierung gebracht worden sind. So ganz in der Einöde wie
Glendalough ist Clonmacnoise daher nicht errichtet worden.
Das Wetter bleibt beharrlich schön und ich fahre ich über
Shannon Bridge und Cloghan und Banagher etwa 20 Kilometer nach Clonfert.
Die kleine Kathedrale (in Irland ist bald etwas eine Kathedrale,
nämlich ein Bischofssitz) kann man natürlich ganztags besuchen, steht
sie doch inmitten eines noch heute belegten Friedhofs. Kann man sich´s
aussuchen, fährt man am besten am späten Nachmittag nach Clonfert,
denn dann wird ihr wunderschönes Portal von der Sonne beschienen.
Dieses Portal macht die kleine Kirche zu einem der Höhepunkte des
romanischen Baustils in Irland und ist in der Welt einzigartig. Ich
könnte jetzt mit meinem aus Büchern zusammengestoppelten Wissen
auftrumpfen, ich erspar es mir. Anstatt lange herumzuschreiben: Clonfert
ist schön. Wenn Sie irgendwie Gelegenheit haben, lassen sie sich eine
Fahrt nach Clonfert
nicht entgegen.
Kunst macht hungrig, sagt ein Sprichwort von mir. Ich fahre
daher die selbe Straße wieder zurück bis Shannon Bridge und lasse mich
dort in einem Pub am Fluss nieder, betrachte beim Essen das Treiben auf
dem Fluss und bei der Anlegestelle.
Falls man als Ehepaar einen Bootsurlaub auf dem Shannon
absolviert und danach die Ehe noch intakt ist, kann man von Glück
reden. Jedenfalls bekomme ich den Eindruck, mit lauter Ehepaaren
konfrontiert zu werden, deren Ehe eben scheitert, wenn ich die
Bemühungen betrachte, die Wohnboote an den Bootssteg an- oder von ihm
abzulegen, wie auch immer die fachmännischen Ausdrücke lauten mögen.
Es mag ja romantisch sein, auf dem recht breiten Fluss dahinzuschippern,
aber anlegen sollte man halt nicht müssen. Oder wenn doch, sollte man
sich mehr oder minder freiwilliger Helfer bedienen - oder sehr gut sein.
Die armen Frauen, denen ich zusehe, sind nicht sehr gut und Helfer
finden sich auch keine. Das Familienoberhaupt (männlich) sitzt
natürlich oben auf seinem gemieteten Kreuzer und gibt gescheite
Anweisungen, welche das gehorsame Eheweib wörtlich verwirklichen soll,
was allerdings nicht ganz so einfach ist wie es klingt. Viele
freundliche Worte höre ich nicht, während ich zuhöre. Aber ist nicht
ein jeder seines Glückes Schmied und heißt es nicht bei den alten
Griechen: Bootsfahrer, kommst du zurück aus Irland, kannst du eine
Geschichte erzählen?
Bei Einbruch der Dämmerung fahre ich nach Clonmacnoise zurück
und stelle mein Auto beim Friedhof an einer sichtgeschützten Stelle ab
und schlummere ungestört die ganze Nacht, vom Wind sanft geschaukelt.
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