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Ballyvaughan - Dysert O´Dea - Corofin - Ennis - Limerick
(4. Juli 2000)

Über Lisdoonvarna fahre ich, mit Umweg über Kilfenora, über Corofin, den Lake Inchiquin entlang. Dysert O´Dea könnte ich besuchen, mit seinem prächtigen Hochkreuz, aber mich drängt es weiter. 
   Ich habe diese Besichtigung schon einmal, vor vielen Jahren versucht, habe mich durch Kuhdreck über eine Wiese buchstäblich durchgekämpft und stand dann vor einem Sockel mit dem schnöden Hinweis, das Kreuz sei zur Zeit in Deutschland ausgestellt. Also vergebens wieder zurück zum Auto, vor dem zwei Herren stehen und die Tür zu öffnen suchen. Als sie mich sehen, entfernen sie sich feixend und ich brauche eine ganze Weile, bis ich mich damals von meinem Schreck erholt habe. Im Auto befand sich so ziemlich alles, was ich auf der Reise mithatte: Kamera, Pass, Geld, Kleider. Ich fuhr damals zunächst ein Stück weiter; mit gehörigem Sicherheitsabstand hielt ich an und probierte, ob auch wirklich alle Türen versperrt waren und mir daher wirklich nichts gestohlen wurde. Das Auto habe ich ohne viel Nachdenken damals neben einer Lagerstelle von Travellers angehalten, die wohl glauben, der Fremde wolle ihr Elend fotografieren. Jedenfalls stürmt ein Haufen Kinder schreiend auf mich zu, gefolgt von einem Herrn, der nicht eben freundlich dreinschaut. Natürlich würde ich sie gerne fotografieren, dreckig und unbefangen wie sie sind, wenn es leicht ginge. So gab ich damals dem Auto gleichsam die Sporen. Niemand warf sich mir in den Weg. Nicht einmal Steine wurden mir nachgeworfen, entweder, weil sie in der Eile keine fanden, oder weil ich sie vielleicht doch falsch eingeschätzt hatte.
   In Ennis gelange ich dann auf die Hauptstraße von Limerick nach Galway, bewältige die vielen Kreisverkehre und den dadurch bewirkten Stau und sehe schon von weitem die wirklich unübersehbaren Wegweiser zum Bunratty Castle und Folk Park.
   Bunratty Castle ist ein im Kern mittelalterlicher Wohnturm von überdurchschnittlicher Größe, der oftmals umgebaut worden ist und eine interessante Geschichte aufweist. Der Wohnturm ist vor Jahrzehnten von einer Gesellschaft zur Förderung der Shannon Region aufgekauft worden, deren Manager die glanzvolle Idee der Medieval Banquets hatten: gegen Bezahlung gibt es irgendwelche Umhänge (gegen mehr Bezahlung schönere Umhänge und eine Krone) und dann sitzt man an einer Art von Heurigentischen auf Holzbänken und frisst mit bloßen Händen Schweinerippchen und Schweinebraten in sich hinein, angedudelt von einer echt irischen Folkmusic-Band und umgehängt ein Lätzchen, falls man sich anpatzen sollte und zum Handabwischen. Gabel und Messer gibt es natürlich auch nicht - angeblich auch nicht im Mittelalter, und zu all dem gibt es angeblich echten Met. Kein Wunder, dass seit Jahrzehnten eine Schar von Amerikanern in Bunratty Castle jeden Abend einfällt - in zwei Schichten - und sich anfrisst und im Autobus zum Teil das Gegessene wieder los wird - lustig war es schon, denken sie hoffentlich am nächsten Morgen. Als schwachen Abklatsch gibt es das Rittermahl in Burg Lockenhaus im Burgenland. Die Gesichter der alten Männer und Frauen, auf "lustig" getrimmt auf den Plakaten, haben mich jedes Mal traurig gestimmt. Alt werden ist keine Schande, aber zum Wurschtel muß man deshalb doch nicht werden.
   Bunratty Castle freilich ist, abgesehen von der allabendlichen Vermarktung,  überaus sehenswert.  Es ist angeblich historisch gesehen, einigermaßen wirklichkeitsnahe eingerichtet. Manche klagen freilich, es sei zu perfekt, man könne sich deshalb selbst kein wirkliches Bild vom echten Leben in einem solchen Wohnturm machen. Ich fürchte, das kann sich der heutige Mensch auch mit viel Fantasie nicht machen. Ich möchte im Mittelalter bestenfalls als Clanherr in solch einem Wohnturm gewohnt haben, und selbst dann wäre es nicht so besonders gemütlich gewesen. Fenster gibt es wenig in solch einem Turm und im Winter konnte man sie nur mit Schweinsblasen schließen, um doch ein wenig Licht hereinzulassen. Betten für die Bediensteten und die in der Burg lebenden Gefolgsleute gab es angeblich auch nicht; die Schar schlief auf Stroh, vermutlich dick eingemummelt und mangels Waschgelegenheiten entsetzlich stinkend. 
   Aber allabendlich saßen sie zusammen, sangen angeblich fröhliche Lieder und tranken Met und Bier: außerdem aßen - eher fraßen - sie Schweinerippchen etc. Mag sein; die Forscher allerdings sagen, soviel Fleisch gab es in der mittelalterlichen Gesellschaft auch wieder nicht zu essen. Eher saßen sie zusammen und aßen Gerstenbrei mit Salz: die Lieder dürften auch nicht ganz so fröhlich ausgefallen sein und vom Bier des Mittelalters schweigen wir besser. Vielleicht hat es ihnen innerlich eingeheizt, ich wünsch es ihnen allen, denn die offenen Kamine in der Halle im zweiten Stock sind zwar sicher schön anzusehen, aber ich habe noch keinen Kamin erlebt, an dem man nicht vorne geröstet und hinten eisgekühlt wurde - vorausgesetzt man sitzt in der ersten Reihe. Die in der letzten Reihe - und warum sollte es in solchen Gesellschaften keine Rangordnung gegeben haben - werden wohl nur eisgekühlt gewesen sein.
   Alles das kann ich mir schon bildhaft vorstellen, mit dem Wissen des Heutigen. Was ich nicht kann, weil ich eben alles das weiß, ist, mich in die Gedankenwelt der Menschen hineinzuversetzen. Eine simple Mandelentzündung konnte unbehandelt tödlich sein, eine Blinddarmentzündung auch, eine einfache, harmlose Pfeilwunde. Ein gebrochener Fuß machte einem zum Krüppel, ein hohler Zahn wahrscheinlich halb wahnsinnig vor Schmerz. Dazu noch die wilden Iren, deren man nicht Herr wurde, oder die, wenn doch, immer noch dafür gut waren, einem von hinten anzufallen und abzustechen. Zu allem dem kam sicher noch, vielleicht nicht bewusst, weil das eben das Wissen der Nachgeborenen voraussetzt, das Gefühl der Zukunftslosigkeit: was konnte ein Gefolgsmann eines solchen Clanherrn erwarten? Nicht zu vergessen die Drohungen des Priesters, aller Priester mit dem Höllenfeuer und der ewigen Verdammnis. Heutzutage weiß keiner mehr zu sagen, wo die Hölle ist und wo der Himmel, damals war die Hölle real und niemand zweifelte, der bei Verstand war.
   Nunmehr kulturell gebildet und nachdenklich, wandere ich in den Bunratty Folk Park vor dem Burgturm. Das ist nun ein wirklich hübsches Projekt: aus der ganzen Shannon Region hat man alte Häuser zusammengetragen und wiederaufgebaut: vom Cottage des Fischers bis zum Haus der reichen Bauern, von der Druckerei bis zum Pub mit dem Hochrad daneben und dem roten Telefonhäuschen. Daneben baut man fest an weiteren Häusern und verwendet ganz moderne Baumaterialien. Das ganze ist naturgemäß ein Schmäh und leicht durchschaubar, eine geschönte Vergangenheit. Doch ist man in der Hauptstraße und vergisst die eifrig knipsenden Japaner, kann man sich wirklich in die Vergangenheit zurückversetzt fühlen. Manchmal wird es komisch: vor einem rekonstruierten Pub mit dem Plakat "Come in" stand ich und folgte dann der Aufforderung.  Ich stand in einem Pub und konnte es nicht glauben. "Are you a real Pub?" fragte ich töricht die Dame hinter der Theke und die fragte mich, ob ich ein Guiness haben möchte. Leider nein, in    Auf dem Rückweg besuche ich eines der etwas größeren Häuschen, drinnen wird Brot gebacken und die Amerikanerinnen, die nach mir das Haus betreten, verfallen in Entzücken. Dass Brotbacken ja kein Vergnügen war, sondern aus der Notwendigkeit heraus geboren, nicht unnötig Geld auszugeben, auf die Idee kommen sie nicht. Das steht wahrscheinlich nicht im Reiseführer.
   Die Häuschen durchwandert, lande ich im Coffeeshop, in dem ich einen ganz entsetzlichen Kaffe trinke, anders ist das Gebräu nicht zu beschreiben. Zum Trost mache ich unter dem jetzt aufklarendem Himmel viele schöne Bilder; die meisten wirken so echt, dass mich die Leute daheim wohl fragen werden, ob Irland wirklich noch so altmodisch ist. Ich bejahe solche Fragen stets: nicht weil ich die Fragenden in die Irre führen will, sondern weil ich daran glaube: Irland ist altmodisch nicht im Sinne fehlender Technik, sondern infolge der STILLE: spätestens am ersten Abend in Irland fällt einem auf, dass NICHTS zu hören ist, denke ich an den Restlärm in Österreich.
   Vom Bunratty Castle Folk Park fahre ich weiter nach Norden: das Craggaunowen Project steht auf dem Programm: ein mittelalterliches Ringfort und daneben in einem Glashaus das rindslederne Boot, mit dem Tim Severin 1976 die vom Hl. Brendan (Brandanus auf Deutsch) geschilderte Überfahrt von Irland aus nach Nordamerika nachvollzogen hat:    Weiter geht´s, nach Süden. Die Straßen sind leer, wenig Verkehr, die Sonne scheint zwischen den ziehenden Wolken durch, es ist warm, aber nicht heiß. Schöner könnte es nicht sein. Ich fühl mich glücklich.
   In den Vororten Limericks kaufe ich bei Dunnes Stores in der Ennis Road ein, fahre dann stadteinwärts und parke auf dem Parkplatz des Limerick Ryan Hotels. Die Dame am Empfang tut gnädig und gewährt mir ein Zimmer zum Preis von IRP 65.-. Das Zimmer ist ein Saal mit 3 Betten und größer als manche Garconniere in Wien, aber, wie wir auch sagen in Wien, vornehm geht die Welt zugrunde. Denn ist es denn nicht der letzte Abend in Irland, den ich in einem Bett verbringen werde?
   Viel billiger könnte ich in einer Pension in der Ennis Road wohnen und dem Stadtzentrum auch noch viel näher, denn, ich sage es, das Ryan Hotel liegt 20 Minuten zu Fuß außerhalb des Zentrums. Ich bin faul und fahre mit dem Auto, biege an der 1. Ampel rechts ab, dann links, fahre Schleichwege, damit ich mein Auto unerlaubt, dafür gratis, auf dem Parkplatz von Jury´s Hotel direkt am Shannon abstellen kann.
Den Fluss überquert, wandere ich durch Limerick, kaufe Bücher für die Heimreise und verbringe den Abend in einem Bierlokal bei der ehemals königlichen Burg in echt mittelalterlichem Ambiente aus dem Jahre 1998.
   Auf dem Rückweg zum Auto denke ich mir, dass von dem alten Limerick nicht mehr viel übrig geblieben ist und das ist gut so. Noch nicht vergessen habe ich den Roman einer Kindheit in Limerick von Frank McCourt, Angela´s Ashes, auf Deutsch: Die Asche meiner Mutter. Berührend, mit bitterem Humor, geboren aus Verzweiflung, wird in diesem Buch das Leben der Armen in Irland in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg geschildert, die Unterdrückung der Menschen durch die Kirche, die Hoffnungslosigkeit der Verhältnisse, aus denen nur wenige ausbrechen - das sind die, welche dann Bücher schreiben über die anderen, Namenlosen. Von Frank McCourts Limerick ist nicht mehr viel übrig, wie gesagt, man kann neuerdings eine Rekonstruktion eines der Häuser, in denen er und seine Eltern und Geschwister hausten, besuchen und man kann, im Internet, die alten Gassen im Geist selbst durchqueren.

 

 

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Zuletzt geändert: 26. Juli 2007
© Peter Lausch |  2000