PFINGSTSONNTAG, 4. Juni 2006

 

Am Morgen um 7 mache ich noch einen kurzen Spaziergang durch das schlafende Cashel. Sozusagen noch ruhiger als früher ist der Sonntagmorgen, seit dank einer Umfahrung, der Fernverkehr die Stadt nicht mehr mit Lärm erfüllt.

Ich sehe nochmals auf zum Felsen von Cashel mit seinen Kirchenruinen und dann setze ich mich ins Auto und fahre los – die Rückfahrt hat nun unzweifelhaft begonnen.

Ganz langsam fahre ich auf leeren Straßen, erst am späteren Vormittag, als ich mich Dublin nähere, wird der Verkehr stärker.

Bei der Einfahrt ins Stadtgebiet passe ich diesmal besser auf als am ersten Reisetag, gelange anstandslos auf die M50 und von ihr über mehrere Kreisverkehre – ohne ungewollte Umwege dieses Mal – direkt zum Great Southern Hotel. Der mehrstöckige gelbe Kasten ist auch leicht zu finden. Ich versuch mein Glück um 12 an der Rezeption, indes, mein Zimmer ist noch nicht fertig. Kein Wunder, verlassen doch viele Gäste erst gegen Mittag das Hotel. Dort herrscht, wie sich noch zeigen wird, ein ständiges Kommen und Gehen. Es ist, wie ich in der Folge feststelle, zwar nicht das einzige Hotel in der Nähe des Flughafens, aber das einzige, das ich leicht im Internet gefunden habe. Die exorbitant hohen Zimmerpreise laut Internetseite sollen niemanden schrecken, in der Praxis geben sie es weit billiger.

Also fahre ich zur Rückgabestation von Hertz und gebe das Auto zurück. Der junge Mann dort ist ganz modern ausgerüstet, hat einen tragbaren Computer und ich bekomme gleich an Ort und Stelle – neben dem Auto – eine Bestätigung über die Rückgabe. Auto unbeschädigt, nichts zu zahlen. Denn ach, man kann zwar den mit dem Collision Damage Weaver verbundenen Selbstbehalt durch Zusatzzahlung auch ausschließen (macht man besser schon zu Hause und nicht erst an Ort und Stelle, ist angeblich billiger und man vergisst es nicht in der Eile bei der Übernahme des Autos), aber Schäden an Rad und Reifen und an der Windschutzscheibe sind dennoch immer vom Kunden zu bezahlen. Und leicht ist was gefunden. Manchen Firmen sagt man nach, sie besserten auf diese Weise ihre besonders günstigen Tarife auf, damit auch sie auf ihre Rechnung kommen.

Zurückgekehrt zum Hotel beziehe ich mein riesengroßes Zimmer mit entsprechend großen Betten und Aussicht auf einen Parkplatz. Macht nicht viel, Hauptsache, die Fenster halten den Lärm ab, denn es landen und starten ununterbrochen Maschinen auf dem bloß 500 Meter (wenn ich richtig rechne) entfernten Flughafen.

Das Wetter ist schön, ich beschließe, in die Innenstadt zu fahren. Mit dem Shuttle-Bus fahre ich zunächst gratis zum Flughafen und steige dort in den Expressbus der Linie 747 ins Stadtzentrum ein, der mich in einer halben Stunde mit wenig Staus an mein Ziel bringt.

Über Dublin kann man Vieles sagen, eines nicht: dass der Verkehr dort reibungslos abläuft. Das Wirtschaftswunder der letzten zehn Jahre zeigt seit langem sozusagen seine Zähne: die Zahl der Autos in Dublin ist exorbitant gestiegen, Breite und Ausbauzustand der Straßen indessen nicht. Folge: Stau, nicht nur am Morgen und am Abend, sondern sozusagen ganztags. Für die Benützer öffentlicher Verkehrsmittel hat sich die Lage ein wenig gebessert in den letzten beiden Jahren: die Stadt hat spezielle Busspuren eingeführt und es gibt nun eine Art Straßenbahn. Viel Straßenbahn gibt es noch nicht, aber immerhin besser als gar keine.

Ist man einmal im Stadtzentrum, braucht man aber eigentlich kein Auto und keine öffentlichen Verkehrsmittel bzw. auch keine Taxis. Dublin ist keine kleine Stadt, aber klein ist der historische Stadtkern und nur der interessiert den Reisenden. Museen gibt es genug, interessante Ausstellungen in ihnen auch, bedeutende Baulichkeiten (ich allein finde sie allesamt nicht sehr erhebend, aber das ist mein Problem), darüber können Sie in jedem Reiseführer ausreichend nachlesen und eine Ihren Interessen entsprechende Auswahl treffen. Außer, Sie sind Abstinenzler, sollten Sie auch in einem Pub oder mehreren ein oder zwei pints of Guinness trinken: dann schaut auch Dublin freundlicher aus und selbst Leute wie ich wurden früher nach einem Guinness oder zwei toleranter. Aber seit ich zu den Abstinenzlern zähle ….

Nicht nur ein geradezu überbordendes Verkehrsaufkommen hat der wirtschaftliche Aufschwung der Stadt beschert: die Stadt insgesamt ist bunter geworden. Bunter sind die Fassaden der Häuser und die Geschäftsportale, bunter ist freilich auch die Bevölkerung geworden: in Irland (vorwiegend in Dublin) leben heute 28 000 Nigerianer, an sich nur eine kleine Minderheit, aber sie macht sich bemerkbar: ein großer Teil lebt von Sozialhilfe und geht tagsüber spazieren. Dagegen sind die 150 000 polnischen Staatsbürger weit weniger sichtbar: sie arbeiten (vorwiegend in den ländlichen Gebieten verrichten sie relativ schlecht bezahlte Arbeit, für die sich kein Ire hergibt – klingt bekannt, oder?) und sie sind dank ihrer Hautfarbe auch nicht so leicht als Fremdlinge zu erkennen.

Bedingt durch die Verkehrsverhältnisse sind sehr viele Leute auf den Straßen. Und: die Gelassenheit und Langsamkeit der Menschen ist vielfach geschwunden. Man eilt durch die Straßen und Fremder, bleibst Du in der Grafton Street stehen, um einen Lageplan zu studieren, es dauert nicht lange, bis einer an Dich anrennt. Murmelt er etwas vor sich hin, meint er meist, er habe es nicht bös gemeint ….

Die Grafton Street ist sozusagen gut besucht, aber leider auch mit allem verziert, was man so in Großstädten als weltstädtisch ansieht: Boutiquen aller gängigen Ketten, chilenische oder ecuadorianische Flöten- und Gitarrenspieler, Bettler. Als Banause beschränke ich mich auf eine Art Spaziergang: von der O’Connell Street über den River Liffey bis zur Grafton Street und von dort zum Merrion Square mit seinen Häusern in einheitlichem Stil und ihren bunt bemalten Haustüren (The Doors of Dublin sind eine Attraktion). In der Grafton Street ist ein Big Mac angesagt, vorher schon eine Tasse Tee bei Bewley’s – aber ach, für Kaffeetrinker schmeckt auch Tee des angesehensten Lieferanten nicht anders als ein  Teebeutel zuhause. Und damit auch ich sagen kann, ich sei dort gewesen, gehe ich danach ins Viertel Temple Bar. Einst das Viertel der hugenottischen Uhrmacher und Drucker und dann heruntergekommen, hat man es in den letzten Jahren überaus erfolgreich wiederbelebt: entstanden ist ein Stadtviertel voller Pubs, Cafes, Boutiquen, Galerien …. Auf dem kopfsteingepflasterten Pflaster singen, tanzen, trinken und musizieren die Besucher die halbe Nacht unter freiem Himmel. Und dies umso mehr, als in irischen Pubs ein striktes Rauchverbot herrscht und rauchende Trinker in ganz Irland ins Freie gehen müssen mit ihrem Pints und ihren Zigaretten. Bloß am Freitagabend ist ein wenig Vorsicht geboten: da trinken sie alle mehr als sonst und länger und sie sind mehr, die Besucher: da wird schon mal einer wütend und bald gibt es eine kleine Schlägerei.

Ich überlege, ob ich mir irgendwo ein Coke kaufen sollte, im Oliver St. John Gogarty etwa, benannt nach einer jener skurrilen Menschen, die in Irland nicht selten sind: der gleichnamige Herr war Chirurg, Senator der irischen Republik, Freund von Joyce, Freund von Lady Gregory und Maud Gonne und all den anderen literarischen Figuren jener Zeit, begnadeter Säufer und – Eigentümer von Dunguaire Castle in Kinvara. Aber ich lasse es bleiben. Es gibt noch ein anderes Pub, das ich besuchen möchte.

Dublin ist die Stadt James Joyce’s. Er selbst hat ja fast sein ganzes späteres Leben im Ausland verbracht, aber sein Roman Ulysses spielt in Dublin und die einzelnen Schauplätze der Szenen des Romans sind inzwischen identifiziert. Daher gehe ich wieder einmal in den Pub Davy Byrnes in der Duke Street. Seit 1904 hat sich anscheinend einiges verändert: das Davy Byrnes ist heutzutage eher eine Art Bistro, schick und mondän. Aber immer noch ist es ein geschichtsträchtiges Lokal, in dem seinerzeit die politische und die lokale Prominenz regelmäßig zu Gast war. Wie in Pubs üblich, gibt es auch Kleinigkeiten zu essen – ich leiste mir einen Schinkentoast und denke an James Joyce. Bei ihm besuchte das Davy Byrnes am 16. Juni 1904 die Hauptfigur seines Romans, Leopold Bloom, auf seinen Wanderungen durch Dublin, wo er ein Gorgonzolasandwich verspeiste – am jährlichen Bloomsday nehmen ein solches sozusagen alle Joyce-Fans zu sich. Als „moral pub" in Ulysses hat Joyce dieses Pub unsterblich gemacht (Joyce selbst trank sein Guinness lieber bei Mulligan’s, in der Poolbeg Street – in einer Erzählung Joyce’s verewigt).

Auf den Spuren Leopold Blooms kann man heute noch durch Dublin wandern und jedes Jahr wälzt sich am Bloomsday, eine Menge sozusagen bunter Vögel von Schauplatz zu Schauplatz und feiert den Romanhelden und den Autor, dessen Werk lange Jahre in Irland verboten war, weil angeblich unsittlich.

So ist das Leben.

Da ich von Dichtern selten genug habe, nahm ich vor Jahren an einem Literary Pub Crawl teil, einer Tour, auf der ausgebildete Schauspieler wissbegierige Liebhaber irischer Literatur von Pub zu Pub führen, wobei sie als die jeweils vorgestellten Autoren posieren und aus ihren Werken rezitieren. Gut für die Lieblingspubs der toten Dichter, ihr Geschäft blüht und eine gelungene Attraktions für Leute, die so etwas mögen.

Heuer allerdings jammern die <Publicans>, weil die Leute weniger sündteure Pints bei ihnen trinken, sondern für weniger Geld gekaufte Dosen voll Guinness bei sich zuhause. Schon wird das Menetekel vom Untergang der Pubkultur an die Wand gemalt, und schuld ist natürlich Tesco, wie immer.

Vor Jahren habe ich im Viertel Temple Bar schlecht gegessen, dafür teuer, und so fahre ich zum Flughafen zurück und esse dort eine der unvermeidlichen Pizzas (auch keine Offenbarung, aber ein wenig preiswerter) und kehre dann ins Hotel zurück. Dort bleibe ich in der Halle eine Weile sitzen, schaue mir die Leute an, die ankommen (und noch immer ausziehen, denn dort herrscht ständiges Kommen und Gehen), vor allem aber die Stewardessen der zahlreichen Fluglinien, die ihr Personal dort unterbringen. Früher, ach früher, da waren die Stewardessen einer jeden Fluglinie ausgesprochen hübsch ….. Ich wird’ ja auch nicht schöner, wenn auch aus anderen Gründen.

Die letzte Nacht in Irland wird kurz werdem, um 04.00 Uhr Ortszeit muss ich aufstehen.

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Erstellt am 15. Juni 2006

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