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Ballyvaughan - Gort - Thoor Ballylee - Ballyvaughan 
(Montag, 3. Juli 2000)

    Schön ist der Morgen, warm und sonnig. Da hält es den Lausch nicht mehr, kein beschaulicher Ruhetag heute, wie geplant. Ich fahre Auto.
   Ich sage es erst jetzt, aber wenn Sie bis jetzt mitgelesen haben, wissen Sie es ja ohnehin: ich habe keine festen Pläne, ich wusste bei Reiseantritt ungefähr, wo ich hinfahren wollte, aber alles andere überließ ich dem Zufall, in Wahrheit Augenblicksentscheidungen. Sollten Sie daher auf die Idee kommen, meine bisherige Reiseroute auf einer Landkarte nachzuzeichnen, werden Sie ein Gebilde erhalten, welches der Kritzelei eines Kindes durchaus ähnlich ist - und daran wird sich für den Rest meines Aufenthaltes wahrscheinlich nichts ändern. Natürlich soll man sich eine feste Route zurechtlegen, das erspart einem, dass man viele Straßen mehrmals fährt, weil einem eingefallen ist, das und jenes willst du ja auch noch sehen. 
   Andererseits, ich bemitleide immer die japanischen Touristen, die bei Schlechtwetter nach Dürnstein in die Wachau kommen: wie schön der Ort im warmen Sonnenlicht des späten Nachmittags ist, weiß ich, der ich schon oft dort war; sie aber, die bei Regen durch die einzige Gasse wandern, sehen nur ein kleines Dorf mit feuchten Mauern und einer Burgruine, die zu hoch oben auf dem Berg gelegen ist, als dass man sie bequem erreichen könnte. So ist es nicht nur in Dürnstein, so ist es überall. Daher lasse ich mich vom Wetter leiten: verspricht es, schön zu werden, fahre ich, regnet es, gehe ich durch die nächstgelegene Stadt und schau mir Geschäfte an und wenn mir gar nichts übrig bleibt, auch ein Museum oder aber ich kaufe mir ein Buch und lese.
   So fahre ich bis Kinvara die mir jetzt schon vertraute Straße, biege dann nach Süden ab und fahre auf Nebenstraßen weiter bis Gort. Das ist eine Provinzstadt, ein besseres Dorf, in der die Zeit gewissermaßen stehen geblieben ist. Natürlich ist alles vorhanden, was zur Moderne gehört: das Postamt ebenso wie der Sendemast für Eircell und ein gleicher für die Konkurrenz. ein Supermarkt und einige Pubs - Tankstelle nicht zu vergessen. Aber dennoch wirkt das Städtchen altmodisch. 
   Einen Namen verbindet man vor allem mit Gort: Lady Gregory, die in der Umgebung ein Herrenhaus bewohnte, Coole Park, das wegen Baufälligkeit vor 50 Jahren demoliert wurde. Als es noch nicht baufällig war, ist dort praktisch die ganze Schar irischer Dichter und Schriftsteller regelmäßig zu Gast gewesen, denn Lady Gregory führte ein offenes, gastfreundliches Haus. Coole Park kann man besichtigen, natürlich nur den Park, und sieht dort einen Baum, in dessen Rinde seinerzeit die anwesenden irischen Dichter von Rang und Namen selbigen einritzten. Interessant.
   Der neben Shaw bedeutendste der Gäste, Yeats, verdankt Lady Gregory sehr viel. Er und die 13 Jahre ältere Lady trafen sich 1898 zum ersten Mal und im Lauf weiterer Treffen entstand die Idee eines Irischen Theaters. Mit ihrem Origanisationstalent und seiner Dichtung "The Countess Cathleen" erfolgte schon 1899 die erste Aufführung des Irish National Theaters, ein heute schwer lesbares gestelztes Versdrama, das nicht zu seinen größten Werken zählt. Sie ihrerseits produzierte kleine Einakter zur Erheiterung des Publikums, weniger gestelzt, aber auch mit Recht vergessen. 1907 wurde dann in Dublin das Abbey Theater gegründet und die Institution erhielt damit ein eigenes Gebäude, das noch heute bespielt wird. Wichtig an diesen damals produzierten Theaterstücken ist die andere Sichtweise der irischen Lebensart: die Abkehr von der Darstellung der Iren als Trunkenbolde und Dummköpfe, romantisch gesinnt, aber halt unfähig zu selbständigem Handeln. Groß geratene Kinder halt, denen man dann und wann auf die Finger klopfen muß, wenn sie zu übermütig werden. Genau das ist die geistige Haltung, die der protestantischen Oberschicht vielfach gemein war. In den einst viel gelesenen Romanen der weiblichen Lebens- und Dichtungsgemeinschaft  Somerville & Ross spiegelt sie sich ganz besonders deutlich. Lady Gregory, die auch dieser Gesellschaftsklasse entstammte, war die rühmliche Ausnahme. Dem Theaterpublikum sollte der Spiegel der irischen Geschichte vorgehalten werden, um ihnen klarzumachen, dass Irland eine eigene nationale Entität ist, so wie das auch Sinn Fein propagierte.
   Daneben sammelte Lady Gregory, welche Irisch sprechen konnte, die mündlichen Überlieferungen des einfachen Volkes. Ihre Anthologie über die Feenwelt Irlands ist auch heute noch ein Standardwerk; Charakter und Eigenheiten der vielen Arten von Feen Irlands sind in diesem Werk genauestens beschrieben. Gelesen wird das Buch heute selten; die eifrigsten Leser sind, glaube ich, die Autoren von Fantasy-Büchern (Sie wissen schon, Märchen für Erwachsene), die im reichen irischen Sagenschatz eine unerschöpfliche Fundgrube an Figuren und an wohlklingenden Namen finden. Die Sidhe sind besonders nett und hilfsbereit, sofern man ihnen täglich eine Schale Milch am Abend vor´s Haus stellt. Dass diese Schale nicht bloß für die Hauskatze bestimmt ist, würde allerdings keiner von Ihren Zimmervermietern zugeben. Manchmal sind die Sidhe übermütig und spielen den Menschen einen Streich. Auf Touristen sollen sie es besonders abgesehen haben. Dass Sie bei ihrer Urlaubsreise nicht immer dorthin kommen, wo Sie hinwollen, verdanken Sie nicht etwa verdrehten oder übersehenen Wegweisern, sondern den Sidhe. Gefeit sind Sie nur, wenn Sie schon Schuster in der 7. Generation sind, oder ihre Jacke verkehrt anziehen, das Futter nach außen. Öfters werden Sie die Leprechauns sehen, kleine grüne Männchen, meist in den Souvenirgeschäften. Sobald Sie das erste gesehen haben, werden Sie wissen, was ich meine.
   Von Gort aus biege ich auf die N66 ein (einfacher: die Hauptstraße) und fahre 5 Kilometer Richtung Galway. Wegweisern folge ich nach rechts auf kleine Seitenstraßen und komme schließlich zum Thoor Ballylee, einem Wehrturm aus dem Mittelalter, malerisch an einem kleinen Fluss gelegen. Yeats selbst lebte in diesem abgelegenen und einigermaßen unpraktischen Turm nur einige Jahre (1921-1929) mit seiner wesentlich jüngeren Frau und seinen 2 Kindern und schrieb dort einen recht hübschen Gedichtzyklus. Abgesehen von den Erinnerungsstücken an Yeats ist der Turm interessant, weil er einen Einblick in das Leben in einem solchen Wohnturm im Mittelalter gewährt. 
   In dem kleinen Häuschen, das sich an den Turm anschmiegt, werden untertags Andenken und Bücher über Yeats verkauft. Den Turm selbst kann man besteigen und mich frisst der Neid: so wohnen wie Yeats mag zwar nicht komfortabel sein (das Klo ist ein simples Plumpsklo), doch in den Zwanzigerjahren hier zu wohnen, muss der Frieden auf Erden gewesen sein. Kein Radio, kein Fernsehen, keine Besucher (denn nur mit ca. 2o Wegweisern seit der Hauptstraße und hundert Abzweigungen bin ich zum Turm gekommen, aber vielleicht habe ich nicht den direkten Weg gewählt), in Frieden mit sich selbst, der Frau, die man liebt und den Krähen, die den Weg zum Klo im zweiten Stock in ein großes Nest für die Nachkommen verwandelt haben, hier könnte ich schon leben. Doch vielleicht ist das nur eine Illusion, hat es doch Yeats auch hier, wie gesagt, nur vorübergehend ausgehalten und nur unter der Bedingung eines umfangreichen Briefwechsels mit der Countess Markiewiecz aus Sligo und vielen anderen. Er hat hier seine Ruhe nicht gefunden, trotz treu sorgender Gattin, die sich als Medium betätigte, um den Gatten zufrieden zu stellen. Aber vielleicht tut man sich mit viel jüngerer Gattin halt schwer, wenn man 50 ist und zeit seines Lebens allerlei weiblichen Gestalten nachgelaufen ist, die einem dann nicht heiraten wollten, so etwa einer weiteren Gönnerin, Maud Gonne, ebenso wenig wie deren Tochter, Yseult, bei der er es dann, als diese "mannbar" war, ebenfalls probierte.
   Die Collected Works gekauft, wie gut werden sie mir in Wien gefallen, mache ich mich auf den Weg zurück zur Hauptstraße.
   Auf der Rückfahrt halte ich dann noch in Kilmacduagh, wo der Hl. Colman im 7. Jahrhundert ein Kloster gegründet hat. Davon ist nichts übrig. Was vorhanden ist, das ist recht eindrucksvoll und stammt teils aus dem 13. Jahrhundert - am Nachmittag schön von der Sonne beschienen und eine Besichtigung wert, falls einer noch nicht genug hat von den vielen Klöstern.
  Ich jedenfalls habe - aber erst danach und fahre ins Hotel nach Ballyvaughan und packe am Abend meine Siebensachen wieder ein

 

 

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Zuletzt geändert: 26. Juli 2007
© Peter Lausch |  2000