SAMSTAG, 3. Juni 2006

 

 

Von Corofin, aus erreiche ich über eine Seitenstraße Dysert O´Dea. Das besteht aus der Ruine einer Kirche, dem Stumpf eines Turms und einem prächtigen Hochkreuz. Die Ruine der Kirche wird bedeutend durch ihr Eingangsportal aus dem 12. Jahrhundert mit einem Fries von leicht mongolisch wirkenden Gesichtern, entfernt mit dem Portal von Clonfert vergleichbar. Etwas entfernt auf einer Wiese steht die Rekonstruktion eines der bedeutendsten Hochkreuze in Irland, schön anzusehen, auch wenn es nicht echt ist. Wo das echte Hochkreuz, vor Witterungseinflüssen geschützt, eingelagert ist, weiß ich nicht.

Mit diesem Hochkreuz habe ich wenig Erfolg:

Denn ich habe diese Besichtigung schon einmal, vor vielen Jahren versucht, habe mich durch Kuhdreck buchstäblich durchgekämpft und stand dann vor einem Sockel mit dem schnöden Hinweis, das Kreuz sei zur Zeit in Deutschland ausgestellt. Also wieder zurück zum Auto, vor dem zwei Herren stehen und die Tür zu öffnen suchen. Als sie mich sehen, entfernen sie sich feixend und ich brauche eine ganze Weile, bis ich mich damals von meinem Schreck erholt habe. Im Auto befand sich so ziemlich alles, was ich auf der Reise mithatte: Kamera, Pass, Geld, Kleider

In Ennis gelange ich dann auf die Hauptstraße von Galway nach Limerick bewältige Kreisverkehre und den dadurch bewirkten Stau und sehe schon von weitem die wirklich unübersehbaren Wegweiser zum <Bunratty Castle and Folk Park>.
Bunratty Castle ist ein im Kern mittelalterlicher Wohnturm von überdurchschnittlicher Größe, der oftmals umgebaut worden ist und eine interessante Geschichte aufweist. Der Wohnturm ist vor Jahrzehnten von einer Gesellschaft zur Förderung der Shannon Region aufgekauft worden, deren Manager die glanzvolle Idee der Medieval Banquets hatten: gegen Bezahlung gibt es irgendwelche Umhänge (gegen mehr Bezahlung schönere Umhänge und eine Krone) und dann sitzt man an Holztischen auf Holzbänken und frisst mit bloßen Händen Schweinerippchen und Schweinebraten in sich hinein, angedudelt von einer echt irischen Folkmusic-Band und umgehängt ein Lätzchen, falls man sich anpatzen sollte und zum Handabwischen. Gabel und Messer gibt es natürlich auch nicht - angeblich auch nicht im Mittelalter, und zu all dem gibt es angeblich echten Met. Kein Wunder, dass seit Jahrzehnten in der Touristensaison ganze Scharen von Amerikanern Bunratty Castle am Abend besuchen und begeistert sind.

Bunratty Castle freilich ist, abgesehen von der allabendlichen Vermarktung,  überaus sehenswert.  Es ist angeblich, historisch gesehen, einigermaßen wirklichkeitsnahe eingerichtet. Manche klagen freilich, es sei zu perfekt, man könne sich deshalb kein wirkliches Bild vom echten Leben in einem solchen Wohnturm machen. Ich fürchte, das kann sich der heutige Mensch auch mit viel Fantasie nicht machen. Ich möchte im Mittelalter bestenfalls als Clanherr in solch einem Wohnturm gewohnt haben, und selbst dann wäre es nicht so besonders gemütlich gewesen. Fenster gibt es wenig in solch einem Turm und im Winter konnte man sie nur mit Schweinsblasen schließen, um doch ein wenig Licht hereinzulassen. Betten für die Bediensteten und die in der Burg lebenden Gefolgsleute gab es angeblich auch nicht; die Schar schlief auf Stroh, vermutlich dick eingemummelt und mangels Waschgelegenheiten entsetzlich stinkend. 
   Aber allabendlich saßen sie zusammen, sangen angeblich fröhliche Lieder und tranken Met und Bier: außerdem aßen - eher fraßen - sie Schweinerippchen etc. Mag sein; die Forscher allerdings sagen, soviel Fleisch gab es in der mittelalterlichen Gesellschaft auch wieder nicht zu essen. Eher saßen sie zusammen und aßen Gerstenbrei mit Salz: die Lieder dürften auch nicht ganz so fröhlich ausgefallen sein und vom Bier des Mittelalters schweigen wir besser. Vielleicht hat es ihnen innerlich eingeheizt, ich wünsch es ihnen allen, denn die offenen Kamine in der Halle im zweiten Stock sind zwar sicher schön anzusehen, aber ich habe noch keinen Kamin erlebt, an dem man nicht vorne geröstet und hinten eisgekühlt wurde - vorausgesetzt man sitzt in der ersten Reihe. Die in der letzten Reihe - und warum sollte es in solchen Gesellschaften keine Rangordnung gegeben haben - werden wohl nur eisgekühlt gewesen sein.
Alles das kann ich mir schon bildhaft vorstellen, mit dem Wissen des Heutigen. Was ich nicht kann, weil ich eben alles das weiß, ist, mich in die Gedankenwelt der Menschen hineinzuversetzen. Eine simple Mandelentzündung konnte unbehandelt tödlich sein, eine Blinddarmentzündung auch, eine einfache, harmlose Pfeilwunde. Ein gebrochener Fuß machte einem zum Krüppel, ein hohler Zahn wahrscheinlich halb wahnsinnig vor Schmerz.

Kein Besucher sollte auch vergessen, dass Bunratty sozusagen ein überdimensionierter Wohnturm ist. Fast alle anderen sind in den Ausmaßen weit bescheidener (vgl. z. B. Rockfleet Castle westlich von Newport).

Der Bunratty Folk Park ist ein hübsches Projekt: aus der ganzen Shannon Region hat man angeblich alte Häuser zusammengetragen und wiederaufgebaut: vom Cottage des Fischers bis zum Haus der reichen Bauern, von der Druckerei bis zum Pub mit dem Hochrad daneben und dem roten Telefonhäuschen. Wer das glaubt, wird selig. Zumindest einige der Häuser sind von Grund auf neugebaut und auf alt getrimmt, das Pub am oberen Ende der Dorfstraße besteht als Hohlblockziegeln mit Styrpoporeinlage, beim Bau war ich dabei. Entstanden ist ein geschöntes Abbild der Vergangenheit.

Steht man aber in der Hauptstraße, kann man sich wirklich in die Vergangenheit zurückversetzt fühlen. Zum Entzücken vor allem von Touristinnen aus den USA wird in einem der Häuser echtes Brot gebacken. Dass Brotbacken ja kein Vergnügen war, sondern aus der Notwendigkeit heraus geboren, nicht unnötig Geld auszugeben, auf die Idee kommen sie nicht. Das steht wahrscheinlich nicht im Reiseführer.
Was nicht ins geschönte Bild passt, wird nicht gezeigt: nicht sieht der Besucher die Erdlöcher, in denen im frühen 19. Jahrhundert die landlosen Knechte mit ihren Familien lebten, nicht sieht er die kleinen, einräumigen Steinhäuser, in denen ganze Familien einschließlich der Milchkuh wohnten und wo auf offenem Feuer gekocht wurde – der Rauch zog durch das Dach ab und die verrußten Strohbündel des Daches wurden alle paar Jahre zerkleinert und als Dünger auf die Felder gestreut. Nichts wird gesagt, weshalb Schemel und überhaupt Sitzgelegenheiten so niedrig sind, dass man fast am Boden sitzt: weil der Rauch des Herdfeuers die Katen füllte und man einigermaßen frische Luft nur in Bodennähe atmen konnte. Nicht gezeigt wird die Toilette, es gab keine, dafür vor der Eingangstür eine Mistgrube.

Das sollte man nicht vergessen, wenn man durch den Bunratty Folk Park spaziert. Und die Frage, wo man her ist, entspringt nicht der Neugier der Kassierin, sondern dient dazu, den Lageplan mit den Erläuterungen in der passenden Sprache auszuhändigen – auch in Deutsch.

In Limerick halte ich auf dem Parkplatz eines Hotels auf der Ennis Road, überlege kurz, ob das wohl erlaubt ist und entscheide mich dagegen. Ach, hätte ich mein Auto mit Wiener Kennzeichen dabei, aber mit einem Auto mit Kennzeichen aus Wexford … Schließlich könnte doch einer das tun, was angedroht wird: die Räder der unberechtigt abgestellten Autos werden blockiert.

Näher dem Zentrum sehe ich keine freien Parkplätze an diesem Pfingstsamstag und absolviere daher meine Besichtigung Limericks vom Auto aus im Stop and Go-Verkehr. Erleichtert wird mir das, weil ich schon oft in Limerick gewesen bin und die Stadt schon kenne. Aber Limerick ist eine interessante Stadt mit interessanter Geschichte, einer Besichtigung wert.

Ich folge den Bodenmarkierungen zur N24 (Richtung Waterford auf den Wegweisern) und fahre bis Tipperary. Die Stadt ist nach allgemeiner Meinung nichts Besonders, für mich erinnerungswert nur durch den Supermarkt von Aldi und durch den gewaltigen Verkehrsstau. Mit dem brauche ich mich nicht lange zu plagen, ich biege nach Süden auf die R664 zum Glen of Aherlow ein, einem langgestreckten Tal das ausschaut wie ein x-beliebiges Tal in Mitteleuropa. In den Bansha-Woods gibt es einen Parkplatz, von dem aus sich eine schöne Aussicht auf das Tal bietet. Fallen Sie nicht über mich her: Es ist nicht unhübsch, solcher Anblicke wegen braucht man indessen nicht nach Irland zu reisen, die gibt es bei uns daheim schließlich auch, denke ich.

Vom Ort Bansha aus fahre ich sodann nach Golden und von dort auf der N74 nach Cashel.

Vieles, was in Reiseführern als Sehenswürdigkeit angepriesen wird, kann man sich in der Praxis ersparen. Manches deshalb, weil man halt sozusagen alle Sehenswürdigkeiten dieser Art gesehen hat, wenn man auch nur eine besucht und manche, weil man andere Interessen hat. Das gilt für frühzeitliche Steinsetzungen und Cairns genauso wie für die Ruinen mittelalterlicher Klöster.

Dass alle Klöster der Franziskaner sozusagen nach demselben <Masterplan> erstellt sind, nur nebenbei.

Es gibt aber auch Sehenswürdigkeiten, die man gesehen haben muss: Clonmacnoise am Shannon gehört dazu (das ich dieses Mal nicht besuchte) und der Rock of Cashel ebenfalls.

Der Rock of Cashel ist ein prächtiger Steinklotz, der den Ort Cashel dominiert. Auf ihm steht Cormac´s Chapel, ferner die Ruinen der dem heiligen Patrick geweihten Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert, ein Rundturm und mittelalterliche Wohngebäude, St. Patricks Cross nicht zu vergessen, bei Sonnenschein strahlend in monumentalem Glanz

Von der N8 biegt eine schmale Seitengasse nach Norden ab, ich folge ihr und sehe unvermittelt den Felsen vor mir. Der Rock of Cashel ist sehenswert von der Ferne, er ist aber genauso eindrucksvoll, wenn man an seinem Fuße steht und zu der Mauer aufblickt, hinter der die Ruine der Kathedrale und die wirklich einzigartige romanische Kirche zu sehen ist, Cormac´s Chapel, die viel älter ist als die Kathedrale, dafür aber vollkommen erhalten.

Ich denke, den Rock of Cashel muss man besuchen – und bei Sonnenschein ist der Anblick unvergesslich.

Warum ich über dies und jenes sozusagen Seiten schreibe und über den Rock of Cashel zum Beispiel so wenig? Einfach, ausführliche Informationen gibt jeder x-beliebige Reiseführer, manche sind allerdings besser und andere weniger.

Ich lasse mir Zeit, folge der Hauptstraße durch den Ort. Cashel ist ein kleines Nest, zwei Straßenkreuzungen und rechts und links Häuser, das ist der historische Baubestand. Umgeben ist das alles von einigen Häuserzeilen mit den immer gleichen Reihenhäusern. Natürlich gibt es auch ein Castle, nahezu unerkennbar umgebaut und als Hotel geführt, einen ehemaligen Bischofspalast, als Hotel geführt, wahrscheinlich auch nicht billig. Einen Supermarkt gibt es auch, ich decke dort meinen Bedarf, kaufe Zeitungen und gehe zurück zum Parkplatz unterhalb des Felsen, der ab 18 Uhr gebührenfrei zu benutzen ist.

Außer als Parkplatz wird der Platz auch dazu benützt, Neulingen die ersten Fahrversuche zu ermöglichen. Am Abend kurven daher einige aufgeregte Jünglinge und Maiden auf dem Parkplatz herum, lassen den Motor aufheulen und abwechselnd wieder absterben, bewegen sich ruckartig vor und zurück und werden es schon noch lernen. Meinem Auto bleiben sie ferne, das genügt mir. Zum Abschluss mache ich noch ein Foto vom Felsen bei Sonnenuntergang und schlafe dann ungestört bis zum frühen Morgen.

 

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Erstellt am 15. Juni 2006

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