|
Titelseite
|
Einleitung
|
Anreise
| Aufenthalt |
Rückreise
13.6.
| 14.6. | 15.6.
| 16.6.| 17.6.
| 18.6. |
19.6.
| 20.6. |
21.6.
| 22.6. |
23.6.
|
24.6.
| 25.6. |
26.6.
| 27.6. |
28.6.
| 29.6. |
30.6.
| 1.7. |2.7.|
3.7. |
4.7.| 5.7. |
6.7.
| 7.7.
Fanore
(Sonntag 2. Juli 2000)
Am Morgen ist es
einigermaßen schön. Den Tag des Herrn soll man loben, ich lobe ihn,
indem ich nicht weit fahre, sondern einen ruhigen Tag verbringe:
Zeitungslesend im Hotel und gegen Mittag, als es wärmer wird, am
Strand. Auch englische Sonntagszeitungen wie die Times sind irgendwann
ausgelesen, sie sind zwar dick, aber nicht alles interessiert mich
naturgemäß.
Draußen steht das Auto unbenützt, das darf nicht sein.
Zunächst fahre ich bis zum Bishopsquarter Quai, menschenleer heute und
ohne Urlauber, die hier draußen im Freien gratis übernachtet haben.
Den langen steinigen Strand wandere ich entlang, halb um die Bucht
herum. Mit Blick auf den Martello Turm aus napoleonischen Zeiten auf der
Halbinsel Finvarra jenseits der Bucht kehre ich um und wandere mit Blick
auf den Cappanawalla und Ballyvaughan im Vordergrund wieder zum
Parkplatz zurück. In der klaren Luft zeichnen sich deutlich die
Steinmauern ab, die sich kreuz und quer über den Berghang ziehen.
Tausende Kilometer lang müssen diese Mauern sein, rechnet man alle
zusammen, die allein im Burren gebaut worden sind. Direkt auf dem
felsigen Boden sind sie errichtet, mit Steinen, welche die Zeit vom
Boden losgesprengt hat oder welche die Gletscher der Eiszeit mit sich
getragen haben. Der Mensch brauchte sie bloß aufzuheben und zu Mauern
zu schichten. Einfach klingt es, aber es ist nicht einfach und verlangt
ein hohes Maß an Geschicklichkeit, denke ich. Denn die Steine werden
durch nichts an ihrem Platz im Verbund der Mauer gehalten als durch ihr
Gewicht. Sie sind so eingepasst, dass der Wind durch die Zwischenräume
streichen kann und selbst der ärgste Sturm daher weniger Druck ausübt
als etwa auf eine moderne, mit Mörtel verfugte Mauer. Fragil sehen sie
aus, aber sie sind ein wirksames Hindernis. Kein Schaf überklettert
sie, keine Kuh überspringt sie und auch der Wanderer hat
Schwierigkeiten, sie zu überwinden. Leicht kann man diese Mauern
abtragen, die Jahrhunderte lang festgefügten Steine auf den Boden
werfen und dann über die niedrigere Mauer klettern und zerstören, was
Jahrhunderte gehalten hat und ohne menschliches Zutun auch noch
Jahrhunderte halten würde. Natürlich ist es verboten, Mauern zu
beschädigen, so wie es verboten ist, Steine von den vielen Ringforts
abzutragen oder aber, aus Steinen kleine Denkmale zu bauen.
An den Strand von Fanore fahre ich dann, setz mich in die
Sonne, aber sieh da, ich bin nicht der einzige. Auf dem kleinen
Parkplatz beim Campingplatz stehen Autos und am Strand hat sich echtes
Strandleben entwickelt. Ferienzeit ist es, die Urlauber sind gekommen.
Gut für die Einheimischen, gut für die Urlauber. Am Besten ist es für
die Kinder, die herumtoben wie die Wahnsinnigen.
Aber leider, auch der schönste Tag geht zu Ende. Um genau zu
sein, das schöne Wetter. Vom Black Head her ziehen Wolken, draußen auf
See, bei den Aran-Inseln, regnet und blitzt es, noch höre ich keinen
Donner, aber schneller als wir alle glauben, hat eine dunkle Wolke die
Sonne verdeckt und die Badenden beginnen, ihre Sachen einzupacken und
die Kinder zusammenzusuchen. Und schon fallen die ersten Tropfen und wir
verziehen uns in die Autos und warten ab, bis der Regenguss vorbei ist.
Der
Parkplatz ist ganz gut besetzt; auch ist ein altehrwürdiger Lieferwagen
aufgefahren, hat die Seitenwände aufgeklappt und eine pausbäckige
junge Frau verkauft Hotburgers etc. Daneben steht ein weiterer Kleinbus
undefinierbarer Herkunft (für mich), aus dem heraus Pommes Frittes und
Fishburgers verkauft werden und diverse Eissorten; ich wende mich mit
Grausen.
Durch
den Regen beschlagen die Fenster des Autos. Im Auto ist es vergleichsweise warm, ich bleibe
gemütlich sitzen. Dasselbe tun auch die Leute in den Autos rings
um mich. Sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass der Gewitterregen
bald aufhört. Die Eltern reden auf die Kinder ein, Töchter und Söhne
stürzen gelegentlich zu den Buden mit Fishburgers etc. und werfen sich
bei der Rückkehr, mit diversen Säckchen ausgestattet, zurück in die
Autos, deren Scheiben angelaufen sind. Drinnen sitzt dann die ganze Familie
und mampft glücklich die eben gekauften essbaren Dinge. Neben mir
steigt gelegentlich der Herr Familienvater aus dem Auto aus und
besichtigt voll Erwartung die Blechkanne auf dem Campingkocher;
aber leider, der Tee ist noch immer nicht fertig.
Das
Jungvolk entsteigt den Autos noch mehrere Male: zum Eisstand
strebt man, kauft dort Giftgrün und Orangerot ein und versinkt in die
Höhle des allseits bedampften Autos. Als der ärgste Guss vorbei ist,
halten es die ersten nicht mehr aus: im nur mehr leichten Regen wandert
hinter meinem Auto ein Vater mit seinem Kind vorbei: They have an Eagle
as heraldic animal in Austria. erklärt er seinem Sprößling, falls ich
ihn richtig verstanden habe. Ich frage mich, ob ich wohl meinem
Sprößling, so ich einen hätte, das heraldic animal (so sie ein
solches haben) eines fernen, fremden Staates sagen könnte? Von
Griechenland etwa? von Zypern? Die Republik Irland hat ohnehin keine
finster blickenden Adler etc. in ihrem Wappen, sondern eine Harfe.
Lernt man in der Schule wohl fürs Leben oder eben
für die Schule frage ich mich - zum ca. tausendsten Male.
Mit dem Gewitterregen hört auch der Wind auf und der
Campingkocher meines Nachbarn produziert endlich so viel Wärme, dass
das Teewasser kocht und einträchtig versammelt sich die Familie um die
Teekanne, jedes Mitglied mit einem farbenprächtigen Häferl aus
Keramik, das die Mutter aus dem Kofferraum des Autos herausgeholt hat,
und trinkt Tee. Diese Zeremonie erledigt, stürmt das Jungvolk wieder
zum nassen Strand, das Altvolk bleibt in den Autos sitzen und starrt
unentschlossen auf die Dünen, die Parkplatz und Strand trennen und die
Sicht aufs Meer rauben.
Mich hält es auch nicht im Auto, ich gehe zum Strand, wo
das größere Jungvolk allerlei Spiele spielt und das kleinere Jungvolk
verbissen Löcher in den feuchten Sand gräbt. Da wird es heute abend in
diversen Unterkünften ein wenig sandig sein, wenn man die Sprößlinge
so anschaut.
Das Gewitter hat die Luft gereinigt, klar und deutlich
zeichnen sich die Häuser auf den Aran-Inseln ab.
Gegen Abend fahre ich zurück, entscheide mich in Fanore
für die Straße quer durch die Berge, biege der Landkarte folgend, an
einer Kreuzung auf eine Straße 3. Ordnung (so heißt das Symbol laut
Karte) ab und fahre auf einem elenden Karrenweg mehrere Kilometer im
zweiten Gang durch eine wüste Gegend, in der es keine Menschen, wohl
aber viele Schafe gibt, ehe ich auf die N67 gelange und nach
Ballyvaughan auf einer vergleichsweise breiten Straße im Leerlauf
hinunterrolle und dort meine Reisetätigkeit für heute beschließe.
|