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Fanore
(Sonntag 2. Juli 2000)

   Am Morgen ist es einigermaßen schön. Den Tag des Herrn soll man loben, ich lobe ihn, indem ich nicht weit fahre, sondern einen ruhigen Tag verbringe: Zeitungslesend im Hotel und gegen Mittag, als es wärmer wird, am Strand. Auch englische Sonntagszeitungen wie die Times sind irgendwann ausgelesen, sie sind zwar dick, aber nicht alles interessiert mich naturgemäß.
   Draußen steht das Auto unbenützt, das darf nicht sein. Zunächst fahre ich bis zum Bishopsquarter Quai, menschenleer heute und ohne Urlauber, die hier draußen im Freien gratis übernachtet haben. Den langen steinigen Strand wandere ich entlang, halb um die Bucht herum. Mit Blick auf den Martello Turm aus napoleonischen Zeiten auf der Halbinsel Finvarra jenseits der Bucht kehre ich um und wandere mit Blick auf den Cappanawalla und Ballyvaughan im Vordergrund wieder zum Parkplatz zurück. In der klaren Luft zeichnen sich deutlich die Steinmauern ab, die sich kreuz und quer über den Berghang ziehen. Tausende Kilometer lang müssen diese Mauern sein, rechnet man alle zusammen, die allein im Burren gebaut worden sind. Direkt auf dem felsigen Boden sind sie errichtet, mit Steinen, welche die Zeit vom Boden losgesprengt hat oder welche die Gletscher der Eiszeit mit sich getragen haben. Der Mensch brauchte sie bloß aufzuheben und zu Mauern zu schichten. Einfach klingt es, aber es ist nicht einfach und verlangt ein hohes Maß an Geschicklichkeit, denke ich. Denn die Steine werden durch nichts an ihrem Platz im Verbund der Mauer gehalten als durch ihr Gewicht. Sie sind so eingepasst, dass der Wind durch die Zwischenräume streichen kann und selbst der ärgste Sturm daher weniger Druck ausübt als etwa auf eine moderne, mit Mörtel verfugte Mauer. Fragil sehen sie aus, aber sie sind ein wirksames Hindernis. Kein Schaf überklettert sie, keine Kuh überspringt sie und auch der Wanderer hat Schwierigkeiten, sie zu überwinden. Leicht kann man diese Mauern abtragen, die Jahrhunderte lang festgefügten Steine auf den Boden werfen und dann über die niedrigere Mauer klettern und zerstören, was Jahrhunderte gehalten hat und ohne menschliches Zutun auch noch Jahrhunderte halten würde. Natürlich ist es verboten, Mauern zu beschädigen, so wie es verboten ist, Steine von den vielen Ringforts abzutragen oder aber, aus Steinen kleine Denkmale zu bauen.
   An den Strand von Fanore fahre ich dann, setz mich in die Sonne, aber sieh da, ich bin nicht der einzige. Auf dem kleinen Parkplatz beim Campingplatz stehen Autos und am Strand hat sich echtes Strandleben entwickelt. Ferienzeit ist es, die Urlauber sind gekommen. Gut für die Einheimischen, gut für die Urlauber. Am Besten ist es für die Kinder, die herumtoben wie die Wahnsinnigen.
   Aber leider, auch der schönste Tag geht zu Ende. Um genau zu sein, das schöne Wetter. Vom Black Head her ziehen Wolken, draußen auf See, bei den Aran-Inseln, regnet und blitzt es, noch höre ich keinen Donner, aber schneller als wir alle glauben, hat eine dunkle Wolke die Sonne verdeckt und die Badenden beginnen, ihre Sachen einzupacken und die Kinder zusammenzusuchen. Und schon fallen die ersten Tropfen und wir verziehen uns in die Autos und warten ab, bis der Regenguss vorbei ist.
   Der Parkplatz ist ganz gut besetzt; auch ist ein altehrwürdiger Lieferwagen aufgefahren, hat die Seitenwände aufgeklappt und eine pausbäckige junge Frau verkauft Hotburgers etc. Daneben steht ein weiterer Kleinbus undefinierbarer Herkunft (für mich), aus dem heraus Pommes Frittes und Fishburgers verkauft werden und diverse Eissorten; ich wende mich mit Grausen.  
   Durch den Regen beschlagen  die Fenster des Autos. Im Auto ist es vergleichsweise warm, ich bleibe gemütlich sitzen. Dasselbe tun auch die Leute  in den Autos rings um mich. Sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass der Gewitterregen bald aufhört. Die Eltern reden auf die Kinder ein, Töchter und Söhne stürzen gelegentlich zu den Buden mit Fishburgers etc. und werfen sich bei der Rückkehr, mit diversen Säckchen ausgestattet, zurück in die Autos, deren Scheiben angelaufen sind. Drinnen sitzt dann die ganze Familie und mampft glücklich die eben gekauften essbaren Dinge. Neben mir  steigt gelegentlich der Herr Familienvater aus dem Auto aus und besichtigt voll Erwartung die Blechkanne auf dem Campingkocher; aber leider, der Tee ist noch immer nicht fertig.
   Das Jungvolk entsteigt den Autos noch  mehrere Male: zum Eisstand strebt man, kauft dort Giftgrün und Orangerot ein und versinkt in die Höhle des allseits bedampften Autos. Als der ärgste Guss vorbei ist, halten es die ersten nicht mehr aus: im nur mehr leichten Regen wandert hinter meinem Auto ein Vater mit seinem Kind vorbei: They have an Eagle as heraldic animal in Austria. erklärt er seinem Sprößling, falls ich ihn richtig verstanden habe. Ich frage mich, ob ich wohl meinem Sprößling, so ich einen hätte, das heraldic animal (so sie ein solches haben) eines fernen, fremden Staates sagen könnte? Von Griechenland etwa? von Zypern? Die Republik Irland hat ohnehin keine finster blickenden Adler etc. in ihrem Wappen, sondern eine Harfe.  
    Lernt man in der Schule wohl fürs Leben oder eben für die Schule frage ich mich - zum ca. tausendsten Male.
   Mit dem Gewitterregen hört auch der Wind auf und der Campingkocher meines Nachbarn produziert endlich so viel Wärme, dass das Teewasser kocht und einträchtig versammelt sich die Familie um die Teekanne, jedes Mitglied mit einem farbenprächtigen Häferl aus Keramik, das die Mutter aus dem Kofferraum des Autos herausgeholt hat, und trinkt Tee. Diese Zeremonie erledigt, stürmt das Jungvolk wieder zum nassen Strand, das Altvolk bleibt in den Autos sitzen und starrt unentschlossen auf die Dünen, die Parkplatz und Strand trennen und die Sicht aufs Meer rauben.
   Mich hält es auch nicht im Auto, ich gehe zum Strand, wo das größere Jungvolk allerlei Spiele spielt und das kleinere Jungvolk verbissen Löcher in den feuchten Sand gräbt. Da wird es heute abend in diversen Unterkünften ein wenig sandig sein, wenn man die Sprößlinge so anschaut.
   Das Gewitter hat die Luft gereinigt, klar und deutlich zeichnen sich die Häuser auf den Aran-Inseln ab. 
   Gegen Abend fahre ich zurück, entscheide mich in Fanore für die Straße quer durch die Berge, biege der Landkarte folgend, an einer Kreuzung auf eine Straße 3. Ordnung (so heißt das Symbol laut Karte) ab und fahre auf einem elenden Karrenweg mehrere Kilometer im zweiten Gang durch eine wüste Gegend, in der es keine Menschen, wohl aber viele Schafe gibt, ehe ich auf die N67 gelange und nach Ballyvaughan auf einer vergleichsweise breiten Straße im Leerlauf hinunterrolle und dort meine Reisetätigkeit für heute beschließe.

   

 

 

 

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Zuletzt geändert: 26. Juli 2007
© Peter Lausch |  2000