FREITAG, 2. Juni 2006

 

Das Wetter ist auch heute schön.

An der Kylemore Abbey vorbei fahre ich Richtung Clifden. Den Besuch in der Abtei erspare ich mir, man sieht dort zuwenig für sein Geld und das Ganze wirkt auf mich ohnehin wie Draculas Schloss, nur ohne Vampire, dafür mit Nonnen, die geschäftstüchtiger nicht sein könnten. Ob es wohl für ihren Orden ein Armutsgelübde gibt? Ich erspare mir weitere Ausführungen, ich habe mich über Kylemore und die Eigentümerinnen schon oft ausgelassen, zuletzt 2004. Daher beschränke ich mich auf die Wiederholung:

Gebaut als bescheidenes Heim eines reich gewordenen Industriellen aus Manchester, ist dieser leibhaftige Albtraum neugotischer Baukunst inzwischen ein Kloster, dessen geschäftstüchtige Nonnen es verstanden haben, ihr Kloster zu einem Muss bei Touristen zu machen. Die Abbey finde ich so hässlich, dass sie fast schon wieder schön ist.

Heuer leiste ich mir, neugierig, wie es in der Abtei ausschaut, eine Eintrittskarte für teures Geld (9 Euro, aber schon ermäßigt für mich als senior citizen). Dafür darf ich ins Abteigebäude und insgesamt 5 oder 6 Zimmer mit angeblicher Originaleinrichtung besichtigen. Ich habe selten ein so gemütliches Heim gesehen wie dieses. Es ist zum Schreien.

Und es wird nicht besser, als ich die zur Abtei gehörige Kirche besuche, die ein wenig abseits steht und die mich, wie immer, an eine Schrumpfkathedrale erinnert; Sie wissen schon, man nimmt den Bauplan einer echten englischen Kathedrale und verkleinert fast alles um den Faktor 5, ausgenommen die Eingangstür und die Sitzbänke. Ich denke, ein wahrer Kunstgenuss.

Einigermaßen bescheiden ist bloß das Grab des Ehepaares, zu sehen links auf dem Weg zur Kirche.

Ich muss mich aber zu meinem Leidwesen zurückhalten, denn bereits mehrmals in den vergangenen Jahren bin ich von Lesern darauf hingewiesen worden, welch wichtiger Arbeitgeber die Abtei sei und welche Wohltat dadurch für die Bewohner der Gegend. Ich schreibe daher nur abschließend, die Kylemore Abbey ist ein schönes Beispiel, wie man eine Touristenattraktion erzeugt, was sage ich, eine Goldgrube für die Eigentümerin, ein christlicher Orden übrigens.

In Clifden ist es wolkenlos und hat an die 20 Grad. Grund genug für die Einheimischen, die Jacken auszuziehen, die Hemdärmel hochzukrempeln und vor den Pubs in der Sonne zu sitzen und Guinness zu trinken. Idyllisch.

Ich gehe durch die zwei Straßen, aus denen das Stadtzentrum besteht und bewundere wieder einmal die Farbenpracht der Fassaden.

Dann gehe ich wieder zu meinem Parkplatz beim alten Bahnhof der Linie von Clifden nach Galway zurück, einer Linie, auf der zu ihren besten Zeiten Kurswagen nach Dublin verkehrten. Außer einigen Bahnbauten und im Gelände noch immer erkennbaren Streckenabschnitten ist von dieser Linie nichts übrig geblieben. Außer einem Waggon, der auf dem Parkplatz steht und seit etlichen Jahren renoviert werden soll. Inzwischen ist er in einem fast irreparablen Zustand. Schade.

In Clifden entscheide ich mich bei einigermaßen windstillem Wetter, von Cleggan aus die Fähre auf die Insel Inishbofin zu nehmen. In Cleggan fährt das Schiff um 11,30 los, eine von mehreren Überfahrten an diesem Tag. Die Island Discovery ist ein recht kleines Schiff, aber es gibt eine windgeschützte Kabine, in der wir wenigen Passagiere uns sammeln, denn draußen ist es dank Fahrtwind doch recht kühl. Wir können die Ankunft kaum erwarten, denn ach, die Wellen sehen – von der Kaimauer aus gesehen – recht klein aus, aber das Schifflein wackelt dennoch hin und her und rauf und runter auf der halbstündigen Überfahrt.

Ich muss recht blass ausgesehen haben, fürchte ich. Die mir gegenüber sitzende Touristin leidet offenbar weniger als ich an empfindlichen Magennerven und bringt sich – unnötig natürlich – auf einem entfernten Sitzplatz in Sicherheit.

Als das Schiff endlich die 11 km lange Überfahrt bewältigt hat, steigen wir erleichtert aus. Eine Anzahl von teils recht erschöpften Herren begrüßt uns mit lautem, aber misstönendem Johlen. Auf mich machen sie den Eindruck, als hätten sie die ganze Nacht durchzecht und sich solcherart die Kosten für ein B&B erspart.

Wir Neuankömmlingen gehen unseres Weges.

Ich wärme mich zunächst in einem Pub mit einer Tasse eines heißen Getränks auf, das dort Kaffee genannt wird.

Prächtig anzusehende Felsklippen, weite Sandstrände und den Ausblick übers Meer auf die Berge im Süden Connemaras und im Norden bis zum Croagh Patrick soll es zu genießen geben. Doch leider, das Wetter ist unversehens umgeschlagen, über dem ach so weit entferntem Festland hängen düstere Wolken und ein feiner Sprühregen (drizzle) verhindert jeden Fernblick und vergällt mir ehrlich auch die Freude, auf der Insel zu sein.

Damit ich aber nicht gar als Banause dastehe, besuche ich die Überreste des zu Cromwells Zeiten errichteten sternförmigen Forts, in dem damals die englische Garnison untergebracht wurde. Und da im Fort ausreichend Platz war, sperrten die Besatzer im Verließ des Forts katholische Priester und Mönche ein, die sie eingefangen hatten. Die meisten Gefangenen blieben nicht allzu lange am Leben und tat es einer doch, wurde sein Ableben beschleunigt: ein lästiger katholischer Bischof wurde am Ufer bei Ebbe an einer Klippe angekettet und überlebte die nächste Flut leider nicht – geht die Mär. Als Märtyrer ist ihm das Himmelreich sicher.

Dass der hl. Kolman auf Inishbofin im Jahr 664 ein Kloster errichtet hat, auch das berichtet die Mär. Erhalten hat sich keines. Angeblich befand es sich an der Stelle, an der heute die Ruinen einer kleinen Kirche aus dem 13. Jahrhundert stehen – kein wirklich eindrucksvoller Anblick.

So schön und friedlich die Insel auf den Besucher trotz des nicht immer schönen Wetters auch wirken mag, die meisten Besucher kommen nicht wegen Sehenswürdigkeiten oder landschaftlicher Schönheit, sondern aus dem einen Grund, dass die Wirte der Pubs auf Inishobofin es mit der Sperrstunde noch nie genau genommen haben, erst recht nicht in sittenstrengeren Zeiten als heute: wo sonst könnten insbesondere Besucher aus Nordirland seit Jahren vom frühen Vormittag bis in den Morgen hinein so viel Bier trinken, wie in sie hineingeht - und meistens mehr.

Leider trinke ich kein Bier und verbringe den Nachmittag mit kurzen Spaziergängen, sobald der Regen eine – kurze – Pause macht. Froh bin ich, als das Schiff um 17.00 Uhr ablegt und nach Cleggan zurückfährt. Über die Rückfahrt ist zu sagen, dass die Toilette reinlich war.

Merke: nicht jeder Ausflug ist ein gelungener.

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Erstellt am 15. Juni 2006

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