Mittwoch und Donnerstag, 1. und 2. Juni 2004

 

Am Morgen ist es schön,  schöner als während der letzten Tage. Was soll's, mein Plan ist gemacht und daran will ich mich halten.

Ich verlasse meine Unterkunft nach Frühstück und Bezahlung und mache mich auf den Weg nach Süden.

In Donegal Town parke ich hinter dem Hauptplatz, passiere ein Duchhaus, wie wir in Wien sagen und stehe nun endlich auf dem Hauptplatz, oder, wie er hier heißt, der Form nach, Diamond. An den Auslagenscheiben von Magee of Donegal drücke ich mir die Nase platt, an diesem weithin bekannten Kleiderhaus, berühmt für seine Tweedsakkos, Tweedhauben, Tweedröcke für Damen, Schals aus Tweed und was es halt sonst noch alles aus Tweed gibt. Indes, ich finde in den Auslagen kein Sakko, dessen Farbstelluing und Muster mir wirklich gefällt. Ins Geschäft hineingehen und nachsehen, was es sonst noch an Sakkos gibt, vielleicht sogar in meiner Größe, will ich nicht. Gottesurteil nenne ich so etwas - heuer also kein Reisemitbringsel in Form eines Tweedsakkos.

Also bleibt es bei einem Abstecher zum Donegal Castle, eingerüstet, unbesuchbar und unfotografierbar und danach bleibt nur mehr die Rückkehr zum Auto und die Weiterfahrt.

Die geht nicht sehr weit, am Südende der Stadt kehre ich im Supervalue von Donegal Town ein und decke mich mit Reiseproviant ein. Ein schönes Geschäft eigentlich, kein Vergleich zu heimischen Supermärkten.

In Sligo hat der Himmel sich eingetrübt; es ist noch nicht einmal Mittag, ich fahre weiter nach Strandhill, parke an der Strandpromenade. Strandhill ist ein beliebter Ausflugsort bei Iren, trotz einer trügerischen Meeresströmung in Strandnähe, die schon etlichen Badenden das Leben gekostet hat. Am besten schaut der Ort aus, stellt man sich mit dem Auto auf besagte Strandpromenade und sieht auf das heute einigermaßen bewegte Meer hinaus, auf dem sich nur einige Surfer tummeln. Nur umdrehen sollte man sich nicht: Strandhill ist eine Ansammlung von Bed&Breakfasts, Spielwarenläden, Fresslokalen, alles in grellen Farben.  Hat man Glück (so man es so nennen will), donnert dann ein Flugzeug in niedriger Höhe über den Ort hinweg und zieht Richtung Rosses Point eine Kurve, ehe es sich nach Osten wendet: Air Arann fliegt nach Dublin. Wie lange noch, weiß keiner - es wollen nicht genug Leute nach Dublin fliegen, die Linie ist defizitär, der Flughafen ohnehin, auf Kosten der Steuerzahler errichtet und mit mancherlei Subventionen am Leben erhalten. Auch Sligo muss einen Flugplatz haben. Wie lange noch?

Was macht man in einem eigentlich hässlichen Ort bei trübem Wetter und heftigem Wind? Unsereins sitzt im Auto und liest die Irish Times. Irgendwann erlischt mein Interesse, ich fahre weiter.

Richtig wäre, ich fahre zurück, Richtung Sligo und dann weiter zum Lissadell House nördlich Sligo.

Das habe ich mehrmals besucht, meist bin ich in den verkommenen Gärten geblieben. Nur einmal habe ich auch das Innere des Hauses besichtigt. Die Führung hat mich traurig gemacht: Die Gore-Booth's haben kein Geld für eine Restaurierung, vielleicht auch kein Interesse. Sie bewohnten nur ein paar Räume im Erdgeschoss, der Rest hat sich so erhalten, wie er  in den Zwanzigerjahren gewesen sein muss und ist schäbig geworden. Warum ich mir das angetan habe, seinerzeit? Weil in dem Haus die nachmalige Countess Eva Markievicz geboren wurde und ihre Jugendjahre verbracht hat, angehimmelt vom sich einschleimenden W. B. Yeats, der viele Jahre später ein nicht unbedingt schmeichelhaftes Gedicht über sie und ihre Schwester geschrieben hat. Aber damals wurde er auch nicht mehr eingeladen und die Countess war in Irlands Kampf um seine Unabhängigkeit berühmt geworden.

Der Abend wird ruhig, ich verbringe ihn im Yeats Country Hotel in Rosses Point in einem riesengroßen, dafür ungeheizten Zimmer und mache nur einen Spaziergang zum Strand, gegen den Sturm ankämpfend, der das Meer am Strand gegen das Land anstürmen lässt.

Am Donnerstag ist das Wetter wieder schöner, der Sturm, wie ich ihn nenne, die Einheimischen würde wohl Wind sagen, hat sich gelegt.

Ich mache einen Ausflug nach Carrowmore mit seinem berühmten "megalithic cemetery", wie die Fachleute sagen.  Eine Ansammlung von Portal Tombs, und Steinkreisen, teilweise ausgegraben und erforscht. Man kann das Gelände - gegen Bezahlung - betreten, aber der Besuch lohnt sich nicht wirklich für Leute wie mich: die laienhaft so genannten Dolmen kann ich in ausreichender Auswahl auch von außen fotografieren und mehr würde es mir auch nicht bringen, würde ich das Gelände betreten, denn man sieht ja nicht mehr als jeweils drei oder vier übereinandergeschichtete große Kieselsteine.

Wem das nicht genügt, der muss sich eine der lesenswerten Broschüren kaufen, die es beim Eingang aufs Gelände zu kaufen gibt. Ansonsten steht man da und sagt "Aha" und das war es dann.

In Wahrheit weiß man auch nach der Lekture der Broschüren nicht viel mehr; niemand weiß viel mehr. Es muss in der Jungsteinzeit eine organisierte Gemeinschaft von sesshaften Menschen hier in der Gegend gelebt haben, die Zeit und Mühe geopfert haben, um die Steinsetzungen zu errichten. Das hat wahrscheinlich kultische Gründe gehabt, doch welche, ist nicht überliefert. In oder bei den meisten dieser Steinsetzungen, die erforscht wurden, sind Menschen begraben worden, viele Jahre nach der Errichtung, sagen die Archäologen. Warum gerade dort, sagen sie nicht, denn niemand weiß es. Nichts hat sich außer den Knochenfragmenten und der Asche der Toten erhalten.

In Sligo halte ich auf der Rückfahrt nicht an, überquere den Garavogue River, halte mich nach links und lange schon am frühen Nachmittag wieder beim Hotel an. Das Wetter ist ein wenig schöner geworden, wenigstens der Wind hat sich gelegt; ich wandere zum Strand vor und dann bis ans nördliche Ende zu einer Felszunge, dem wahren Rosses Point, von dem der Ort den Namen hat. Auf dem Rückweg begegnen mir auf dem Strand wieder die Einheimischen, die raumgreifenden Schrittes und mit heftigen Armbewegungen den Strand entlang marschieren, als würden sie vom Teufel verfolgt. Aber wahrscheinlich halten sie Schnellgehen für gesund. Was sie sich über mich denken, weiß ich nicht, wir reden ja nicht miteinander - aber wir grüssen einander.

Im Zimmer hat die Heizung sich eingeschaltet, es ist nicht warm, aber erträglich und ich lese den ganzen Abend.

 

 

 

 

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Erstellt am 25. Juni 2004

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