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Ballyvaughan - Miltown Malbay  - Ballyvaughan
(Samstag, 1. Juli 2000)

    

   Von Ballyvaughan aus fahre ich diesmal auf der direkten Straße, der N67, direkt zunächst nach Lisdoonvarna, verweigere dann bei der Abzweigung zu den Cliffs of Moher, und fahre über Einnstymon und Lahinch bis in den kleinen Ort Miltown Malbay. Dort finde ich zunächst keinen Parkplatz. Die meisten Leute, welche ihre Autos sozusagen kreuz und quer am Straßenrand und sonstwo abgestellt haben, sind aus dem selben Grund gekommen wie ich auch: seit 30. Juni bis noch zum 9. Juli findet hier das größte irische Festival der Folk Music statt.
   Das Festival zerfällt eigentlich in zwei Teile: einen ganz ernsthaften, bei dem in einer Art Akademie Unterricht im Spiel mit den traditionellen Musikinstrumenten gegeben wird. In den letzten Jahren hat sich das Spektrum ausgeweitet einerseits auf Chorgesang und, gefördert durch den Erfolg der Gruppe Riverdance, das so genannte Set Dancing - das so ausschaut wie ein Auftritt der Gruppe Riverdance minus des Kommerzes. Der zweite Teil, der sicher auch ernsthaft ist, für die Auftretenden, dient für die Zuhörer jedoch der Unterhaltung: öffentlich zugängliche Konzerte.
   Stolz posaunt die Lokalpresse aus, über 1200 Leute hätten sich für Kurse eingeschrieben. Dazu kommt aber mindestens noch die zweifache Menge an Zuschauern und Zuhörern und außerdem kommen noch die diversen Abstauber dazu, wie wir in Wien sagen: die Leute, die hoffen, anlässlich des Festes mehr oder minder gute Geschäfte zu machen.
   Gut, dass am Vormittag gegen 11 Uhr, als ich einlange, nicht alle diese Leute munter und auf der Strasse sind - es gäbe kein Durchkommen mehr.
   So stelle ich mein Auto vor einer Baustelle am Ortsrand ab und hoffe, es bei der Rückkehr unbeschädigt wieder zu finden. Denn die Damen und Herren, die da an mir vorbeispazieren, sind zum Teil recht gut aufgelegt und singen bereits am Morgen und unorganisiert, jeder für sich, fröhliche Lieder. Ist auch kein Wunder, denn ich habe erst am Ortsende von Miltown Malbay in Richtung auf die noch viel kleinere Ortschaft Spanish Point mein Auto abgestellt und Spanish Point ist in das Fest einbezogen. Und dort ist ebenfalls jeder größere Raum, vom Magazin einer Baufirma bis zum Speisesaal des örtlichen Golfklubs zum Lehrsaal umfunktioniert worden.
   Ich gehe in den Ort. Aus jedem Pub ertönt Musik, ausnahmsweise Lifemusik und nicht aus dem Radio bzw. Musik von Musikern und nicht von Krakeelern. So viele Leute sind in einem jeden Pub, dass ich nicht auffalle, weil ich kein Bier trinke und daher trotz Sonnenschein zusammengenommen ein paar Stunden in dunklen Sälen verbringe. Eine Vielzahl von Gruppen tritt in den Pubs auf, sie wechseln sich ab und ziehen von Pub zu Pub weiter. Nach mehreren Musikstücken geht immer einer oder eine mit einer kleinen Schachtel im Pub umher, in die man Münzen oder Scheine einwerfen kann und soll. Man tut es auch. Aber mehr noch als die wahrscheinlich nicht gewaltigen Einnahmen scheint mir, geht es den Musikern um den Glanz des Rampenlichts, auch wenn dieses in den Pubs nicht so besonders gut ist. Man spielt aber nicht nur selbst, einzelne Auftretende legen gelegentlich die Instrumente weg und hören anderen Gruppen zu. Das fällt leicht. Denn nicht nur in den Pubs wird aufgespielt, auch auf der Straße. Besonderen Zulauf hat ein Herr, der eine Geschichte im charakteristischen Singsang auf Irisch vorträgt - dafür gibt es einen irischen Namen, den ich mir partout nicht merke. Der Mann soll einer aussterbenden Zunft angehören, sagt man mir ungefragt.
Nicht alles, was ich höre, ist freilich irische Volksmusik. Denn ich höre und sehe auch eine Gruppe von Musikern aus Brasilien, die alles andere spielen als irische Volksmusik, eine Gruppe aus Ägypten, die auf arabisch dudelt und zum Drüberstreuen einige Damen und Herren aus Indien, die mit Sitars versuchen, irische Volkslieder zu spielen. Dem Beifall nach zu schließen, gelingt es ihnen auch, er ist nicht endenwollend.
   Gelegentlich werfen sich die Damen und Herren Musiker und Sänger in die Brust; ein Aufnahmeteam des irischen Fernsehens macht, nach erstaunlich viel organisatorischer Vorarbeit, einige Fernsehaufnahmen, wobei jeweils ein Herr am Anfang vor die Kamera tritt und gestelzte Bemerkungen von sich gibt. Interviews werden gemacht, nachdem sie dreimal geübt wurden, aber die Interviewten schwitzen dennoch beträchtlich. Kein Vergleich des irischen Fernsehens ist allerdings mit dem Kamerateam aus Japan möglich: einer ganzen Schar von höflich lächelnden, sich verbeugenden und unverständlich Englisch redenden Herren in korrekter Kleidung, in deren Mitte der Kameramann mit seiner Ausrüstung gar nicht mehr auffällt. Auf die Weise bekommt er wahrscheinlich weniger gestelzte Bilder auf das Videoband als die Iren.
   Traurig macht ja nur der eigentliche Anlass und Ursprung all des Betriebs: das Ganze wird seit vielen Jahren zum Andenken an den größten Musiker der irischen Folk-Music-Szene veranstaltet, an Willie Clancy, der in Miltown Malbay geboren wurde. Seit seinem 17. Lebensjahr trat er als Musiker auf, aber auch als Sänger und als Geschichtenerzähler. Von diesem Beruf konnte er jedoch nicht leben, wanderte nach England aus und arbeitete im erlernten Beruf als Maler und Anstreicher. Bis zu seinem Tod 1973 hat er wahrscheinlich nicht einmal davon zu träumen gewagt, dass seine Musik einmal derart erfolgreich würde und vor allem so einträglich verwertbar. Natürlich verdienen nicht alle Musiker gut, die in Pubs irgendwo auftreten. Aber ein nützliches Zubrot sind die Einnahmen aus diesen Auftritten allemal. Und mehr noch, wer jemals durch Zufall in ein Pub gekommen ist, weil er draußen Musik hörte, der merkt, dass Musik zu spielen und zu den Melodien mitzusingen, teilweise erstaunlich gut, allen Beteiligten Freude macht, dem Fremden, der dazukommt, natürlich auch. Aber nicht seinetwegen wird gespielt, das merkt man auch.
   Am Nachmittag fahre ich einige Kilometer nach Spanish Point weiter, wo sich im Atlantic Hotel sozusagen das Hauptquartier der Veranstaltung befindet. Dort ist das Gedränge, so möglich, fast noch größer. Doch selbst am Strand dieses Badeortes ist noch viel los, dort übt eine Gruppe von Set Dancern zu Musik einer angeblich eben neu auf den Markt gekommenen CD aus einem Ghetto-Blaster, wie ich ihn eher in New York erwartet hätte. Der Strand ist dennoch schön und lang und breit. Vor der Küste sehe ich Mutton Island, nur durch einen schmalen Einschnitt im Fels vom Festland getrennt und auch das erst seit einem Erdbeben im Jahre 804, wie die Chronisten schreiben.
   Unangebracht ist an einem solchen Tag, an jene Tage zu denken, an denen mehrere Schiffe der Armada hier im Sturm zerschellten und tagelang Ertrunkene an Land gespült und ausgeplündert wurden. Wer nähme es den Bewohnern dieses Küstenstrichs wirklich übel, dass sie von weit und breit herbeieilten, um auch ihren Anteil an der gruseligen Beute zu erlangen? Den Toten schadete es nicht mehr und den Lebenden half es, vielleicht, die Not zu lindern. Viel kann es nicht geholfen haben, oder nicht lange, denn noch in den 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts suchten viele Bewohner dieses Landstrichs ihr Heil in der Auswanderung. Viele Menschen gingen zu Fuß aus Clare bis zum Hafen Cobh an der Südwest-Küste Irlands und bestiegen dort die Auswandererschiffe, die sie nach Argentinien brachten, schoss doch die argentinische Regierung das Geld für die Passage vor, das dann in Argentinien abgearbeitet werden musste. Daheim in Milltown Malbay ließ inzwischen die Grundherrschaft die Geschäftsleute einsperren, weil wegen der feindseligen Haltung der Familie den Eingeborenen gegenüber die Geschäftsinhaber in den Boykott getreten waren und die grundherrliche Familie nicht mehr belieferten. Der Name Morony ist in Milltown Malbay immer noch ein Schimpfwort.
   In Spanish Point hört man indessen nicht bloß Musik und Gesang und drängt sich durch eine Menschenmenge, man riecht auch: man riecht nichts Übles, das aber in vielen Variationen. Was bei uns die knoblauchduftenden Langos sind, das sind neuerdings in Irland die Pfannkuchen, die beliebter scheinen als Pommes frittes. Jedenfalls gibt es Pfannkuchen an jeder Ecke zu kaufen. Zuzuschauen, wie der bestellte Pfannkuchen allmählich bräunt, ist schon die halbe Freude. Mit Schokolademasse übergossen kann man bestellen, mit Jam gefüllt, mit Haselnüssen bestreut oder ohne. Es ist, wie daheim eine Palatschinke zu genießen. Mir rinnt das Wasser im Mund zusammen, andere halten sich sozusagen nicht zurück und bestellen und schmatzen glücklich und preiswert.
   Volksfeste enden meist am Abend oder in der Nacht. Diese Veranstaltung dauert eine Woche. Die Quartierfrage ist für viele Besucher ungelöst. Mehrmals werde ich gefragt, ob ich ein preiswertes Quartier wüßte. Als ich schon beim Auto stehe, fragt mich einer, wo er schlafen könne, es gäbe überhaupt nichts mehr. Vorige Nacht habe er in einer Betonröhre auf einer Baustelle geschlafen, erträglich, aber recht hart. Nur sei heute schon wer anderer in seiner Röhre eingezogen. Leider, ich weiß auch kein Quartier für ihn, mein Auto hab ich gerne für mich allein und so überlasse ihm seinen hoffentlich diese Nacht nicht allzu hartem Schicksal.
   Auf der Rückfahrt nach Ballyvaughan spielt in meinem Kopf noch immer die Musik und außerdem denke ich an die Palatschinken zurück, die ich natürlich doch gegessen habe.

 

 

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Zuletzt geändert: 26. Juli 2007
© Peter Lausch |  2000