Dienstag, 1. Juni 2004

 

Von der Sligo Road in Letterkenny, das heißt, von der Durchgangstraße von Sligo in den Norden, fahre ich am Morgen los.

Den ersten Halt lege ich beim Wegweiser zum Grianan of Aileagh ein, der bei einer modernen Kirche den Weg hügelaufwärts zum beherrschend gelegenen Hügelfort zeigt. Beim Parkplatz stehen mehrere Autos – ein Teil des Forts ist eingerüstet: Ausbesserungsarbeiten finden statt. Man kann jedoch das Innere des Forts betreten, was ich auch tue. Innen sind in die Mauer Stiegen eingearbeitet. Über eine davon steige ich bis zu der umlaufenden Galerie hinauf, von der ich heute bei schönem Wetter einen weiten Überblick habe. Bei trübem Wetter werden die Auffahrt auf den Hügel, auf dem das Ringfort errichtet ist, wohl nur kunsthistorisch Interessierte unternehmen, denn dann ist die Aussicht gleich Null.

Der Grianan hat eine interessante Geschichte – bessere Reiseführer geben darüber Auskunft

Das heutige Ringfort bzw. ein Vorgängerbau existiert jedenfalls seit 2.500 Jahren, war bereits dem griechischen Kartographen Ptolemäus bekannt, glaubt man, und wurde im 12. Jahrhundert bei einer Stammesfehde zerstört. Was man heute besucht, ist allerdings 1870 restauriert worden. Wie der Grianan vor der Restaurierung aussah, sagen die Reiseführer nicht, wohl aber sagte es die früher vorhandene, bei meinem Besuch heute aber fehlende Orientierungstafel an Ort und Stelle. Die dunklen Steine sind die Originale, an den helleren sind jene Stellen erkennbar, die bei der Restaurierung aus dem Schutt neu aufgebaut worden sind. Sehe nur ich bloß helle Steine?

Ich sage mir die alte Weisheit vor, man solle nicht zu viele Fragen stellen und beschränke mich darauf, simpel und einfach festzustellen, der Grianan of Aileagh und das Staigue Fort sind sicherlich die eindrucksvollsten Exempel für Hügelforts in Irland. Eines von beiden sollte man bei einer Irlandreise schon gesehen haben, welches, ist teils Geschmacksache, teils ergibt es sich aus der Reiseroute.

Nach Buncrana fahre ich weiter, trinke dort in einem Pub in gelungener Umgebung eine Tasse Kaffee – sozusagen im Hinterzimmer haben sie eine veritable Bibliothek aufgebaut, in der ich in allen möglichen alten Büchern schmökern dürfte, Das nennt sich dort Dienst am Kunden. Dafür nehme ich mir die Zeit und lasse ich mich dort vor den Büchern etc. fotografieren, damit man mir diese Geschichte glaubt.

Leider habe ich mir den Namen des Lokals nicht einprägen können, ich konnte die verschnörkselte Schrift in grünen Buchstaben in der Schnelligkeit nicht lesen. Bei Interesse findet man das Lokal jedoch leicht: vom zentralen Parkplatz zur Hauptstrasse gehen, stehen bleiben, die andere Straßenseite mustern – schon ist man dort.

Manchmal bescheren Augenblicksentscheidungen bleibende Erinnerungen, die, wie im Fall Buncrana, die Erinnerung an diesen Ort prägen. Ehrlich, schön ist er nicht und durch den wirtschaftlichen Niedergang des ohnehin mit Arbeitsplätzen nicht reich gesegneten Städtchens machte es in den vergangenen Jahren auf mich immer einen recht trübseligen Eindruck. Wahrscheinlich ist es immer noch recht trübselig, aber wenn ich heuer an Buncrana denke, denke ich primär an die Bücherwand im Pub.

Nordwestlich von Buncrana mache ich einen kurzen Besuch im Fort Dunree, einem ursprünglich britischen Fort, das die Einfahrt in den Lough Swilly überwacht hat. Leider blieb die Wache ergebnislos, denn weder die dt. Marine im ersten Weltkrieg noch die im zweiten Weltkrieg hat versucht, hier vorbeizufahren und sich abschießen zu lassen. Die Soldaten dürften hier während beider Kriege eine recht ruhige Kugel geschoben haben. Der irische Staat, dem die Festung inzwischen gehört, benötigt sie auch nicht und hat sie in ein Museum umgewandelt, in dem man eine ganze Reihe von Geschützen aller Art sehen kann, falls einem das interessiert. Mich weniger, ich genieße die Aussicht und erspare mir das Eintrittsgeld. Es gibt Anblicke, auf die kann ich verzichten.

Nicht verzichten kann ich auf die Fahrt zum Gap auf Mamore. Vom Süden her fährt man auf einer schnurgeraden, leicht ansteigenden Straße aufwärts, erreicht nach einigen Kurven den Bergsattel und fährt langsam die steile Abfahrt mit etlichen Serpentinen auf der Nordseite wieder hinunter. Doppelt langsam fahre ich, weil mir die prächtige Aussicht bis zum Malin Head schier den Atem raubt. Ca. auf halber Höhe hat man einen Parkplatz gebaut, auf dem ich halte und die Aussicht genieße. In der Ebene komme ich danach an den Mamore Cottages vorbei, in denen ich vor einigen Jahren ein paar Tage lang wohnte – ich kann diese Cottages, wenn man abgeschieden leben möchte, nur empfehlen.

Über das Städtchen Malin, das ich auf der Weiterfahrt passiere, kann ich beim besten Willen nichts sagen, nichts Positiven und nichts Negatives, nichts, außer dass der Hauptplatz dreieckig ist und sich in der Mitte eine Rasenfläche befindet. Den Wegweisern des Rundkurses <Inishowen 100> folgend, umrunde ich die Landzunge nördlich von Malin und halte schließlich auf dem Malin Head, lasse mich auch dort von guten Seelen fotografieren, die dann anschließend ich fotografiere und könnte jetzt bildhaft nachweisen, ich war auf dem nördlichsten Kap der Insel Irland.

Auch weiterhin den Wegweisern <Inishowen 100> folgend, komme ich am frühen Nachmittag über Moville und Muff nach Letterkenny zurück.

Sonne scheint, warm ist es, Zeit habe ich: da will ich nicht im B&B bleiben und fahre nochmals los. Rings um die Halbinsel Fanad möchte ich fahren. Den Kreisverkehr unmittelbar vor dem Stadtzentrum verlasse ich in Richtung Milford, fahre so 20 Kilometer und biege in Ramelton jenseits der Brücke bei einem prächtig rot gefärbten Pub nach rechts ab, Richtung Rathmullan. Das ist bekannt als jener Ort, an dem die sogenannte Flight of the Earls ihren Ausgang nahm, als die Earls of Tyrone und Tyrconnell mit einem Großteil des irischen Adels 1607 ins katholische Ausland segelten, sozusagen ihre Niederlage gegen England besiegelnd.

Rathmullan ist ein hübscher Ort mit schöner Aussicht auf den Lough Swilly und auf das Fort Dunree auf der Nordseite des Lough. Mir aber steht der Sinn nach noch Schönerem und deshalb bleibe ich nicht lange, sondern fahre auf der Küstenstraße einem Berghang entlang nach Portsalon. Von einem Parkplatz habe ich dann einen märchenhaften Ausblick auf die weite Ballymastocker Bay, von der man sagt, ihr Strand sei einer der schönsten der Welt. Der eigentliche Ort Portsalon liegt am Nordende des Strandes und wird seit einigen Jahren von einer Vielzahl uniformer Ferienhäuser verunziert. Der einzige Rat, den ich weiß, ist, hinfahren und auf den weiten Strand blicken, dann kehrt man den Scheusalen den Rücken.

Auf schmaler Straße folge ich den Schildern Fanad Drive bis fast zum pittoresken Leuchtturm, den man jedoch, samt den Nebengebäuden, ebenso wenig betreten darf wie andere noch in Betrieb befindliche Leuchttürme. Als Entschädigung kann ich den Blick auf eine schöne Landschaft genießen. Anschließend fahre ich die Ballyhiernan Bay entlang, könnte anhalten, tue es nicht, denn war ich nicht vorher an einem noch viel schönerem Strand?

Am Abend kehre ich nach Letterkenny zurück. Hungrig bin ich und wandere durch die Hauptstraße bis zum Market Square. Ins indische Restaurant könnte ich gehen, aber ich denke, die gestrigen Erlebnisse können heute nicht übertroffen werden. Deshalb gehe ich in die Brewery auf dem Hauptplatz. Über die Brewery weiß ich nicht viel zu sagen: ich bekomme die Speisen, die ich bestellt habe und sie schmecken mir, die Bedienung ist freundlich,  die Rechnung stimmt, die Gasträume sind nicht indisch eingerichtet, bloß, die familiäre Einbindung in die Familie des Eigentümers unterbleibt. So also bleibt das India Royale Restaurant, in dem ich gestern war, sicherlich der Höhepunkt aller Restaurantbesuche in Irland; was sage ich, meines ganzen Lebens!

Während der Heimfahrt verirre ich mich diesmal nicht, finde auf Anhieb meine Unterkunft und bin zufrieden.

 

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Erstellt am 25. Juni 2004

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