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Ankunft in Dublin - Spaziergänge |
Sonntag, 1. Juni 2003 Los
geht es: am Vormittag erscheine ich, geschniegelt, geschneutzt, gekampelt,
wie wir sagen (auf Hochdeutsch: herausgeputzt, gewaschen und nicht
zerzaust) auf dem Flughafen in Wien-Schwechat. Die Sicherheitskontrolle
zieht sich: wofür ich so viele Filme im Handgepäck brauche, drei
Kameras auch? So viele Filme sind es auch wieder nicht, aber doch mehr
als einer. Das lässt sich erklären. Nicht abzubringen sind die
Herrschaften von der Idee, die originalverpackten Filme durch die Röntgenschleuse
zu bugsieren – hoffen wir das Beste. Extra habe ich ohnehin nur Filme
mit ISO 100 und 200 mitgenommen. Je niedriger die Empfindlichkeit, desto
geringer die Wahrscheinlichkeit einer Beschädigung durchs Röntgengerät.
Übers
Flugzeug der Aer Lingus lässt sich nichts sagen, übers Essen auch
nicht. Es schmeckt nach Nichts und welche Art von Fleisch ich da
serviert erhalte, vermag ich auch nicht zu erkennen. Geschnetzelte Katze
ist es zweifellos nicht, wir sind ja nicht im Fernen Osten. Vielleicht
fehlt mir Banausen auch der Sinn für feingewürzte Speisen, der den
Gourmand vom Gourmet unterscheidet. So
sei es denn, man fliegt ja schließlich nicht, um zu speisen, sondern um
wo anzukommen – ein Butterbrot hätte es auch getan und billiger wär’s
auch gewesen. Über
den Flug ist auch nichts zu sagen, außer, dass ich gerne durchs Fenster
schaue beim Start und bei der Landung. Indes, das Vergnügen wird mir
beim Start vergällt: ich habe keinen Fensterplatz erhalten, sitze
vielmehr neben einer Dame, die erklärt, das Sonnenlicht halte sie nicht
aus und flugs die Jalousie am Fenster runterzieht. Da über den Wolken
die Sonne scheint, lässt sie die Jalousie während des ganzen Fluges
heruntergezogen und ich sehe auch bei der Landung nicht aufs Rollfeld,
obgleich es trübe ist und nieselt. Das allerdings stelle ich erst fest,
als ich beim Aussteigen durch die anderen, nicht verdunkelten, Fenster
sehen kann. Hat
mir die Sitznachbarin vielleicht die Laune vergällt? Dabei weiß ich
doch, dass alles im Leben einmal zu Ende geht, auch die Gesellschaft der
Dame dauert nicht ewig. Leider höre ich aus diesem Grunde die
Geschichte ihrer beruflichen Laufbahn beim Österreichischen Rundfunk
nur zum Teil, kann mir freilich den Rest dazudenken. Gegen
13.30 Ortszeit landen wir in Dublin. Der Flughafen ist klein und übersichtlich.
Man geht eigentlich immer geradeaus. Hat man glücklich sein Gepäck
eingesammelt, wandert man – EU-Bürger schließlich – unbehelligt
durch die Zollkontrolle und durch die Ankunftshalle hinaus auf den
Vorplatz. Dort, Fremder, heißt es aufpassen, denn dies ist die Stelle,
an der Du zum ersten Mal geschröpft werden kannst: Es gibt einen öffentlichen
Bus, der alle 15 Minuten bis ins Stadtzentrum fährt und an vielen
Haltestellen hält und daher langsam vorwärts kommt, es gibt einen öffentlichen
Bus, der ein wenig unregelmäßig fährt, aber ohne Haltestellen bis ins
Stadtzentrum, es gibt Taxis. Die sind die offensichtliche Wahl, denkt
der Fremde und übersieht, dass ein Taxi teurer ist als ein Bus und auch
nicht schneller vorankommt, wenn Stau angesagt ist – tagsüber in
Dublin sozusagen immer. Und schließlich gibt es die blauen Busse von
Aircoach, die ausgenommen zu nachtschlafender Zeit alle 15 Minuten ohne
Halt ins Stadtzentrum fahren. Einen
solchen nehme ich, zahle 10 Euro für einen Retourfahrschein (eine Fahrt
6 Euro) und fahre bequem bis fast zum Hotel. Vorher habe ich die Dame
abgewimmelt, die vornehm mit dem Taxi fahren wollte und mir vorschlug,
wir sollten eines gemeinsam nehmen. Ich habe ihr stattdessen eine
gemeinsame Autobusfahrt vorgeschlagen, aber für eine nach ihren Worten
hochrangige Angestellte des Österreichischen Rundfunks war ihr wohl ein
Bus zu minder – ich ja wahrscheinlich auch mit meinen Taschen und Bündeln. Ich
habe mich für das Blooms Hotel im Vergnügungsviertel Temple Bar
entschieden. Ist
ein 3-Stern-Hotel mit so an die 100 Zimmern, zentral gelegen. Ich habe
es nicht weit in die Grafton Street und, jenseits des Liffey, in die
O’Connell Street. Übersehen habe ich bei der Auswahl, dass das Hotel
über einen eigenen Nachtklub verfügt, den manche als einen der besten
in Dublin bezeichnen. Das müssen eigene Leute sein, die das tun und die
müssen dafür bezahlt werden, sage ich gleich, aber noch weiß ich
nicht, was mir blühen wird. Ich
bekomme ein gassenseitiges Zimmer im 1. Stock und hoffe, dass es größer
sein wird als die winzige Lobby des Hotels: 3 Leute und sie ist voll.
Immerhin gibt es einen Aufzug – auch das Zimmer schaut nicht übel
aus. Neuerlich
an diesem Tag geschnäuzt und gekampelt, stürze ich mich ins Dubliner
Leben. Die Grafton Street ist sozusagen gut besucht, aber leider auch
mit allem verziert, was man so in Großstädten als weltstädtisch
ansieht: Boutiquen aller gängigen Ketten, chilenische oder
ecuadorianische Flöten- und Gitarrenspieler, Bettler. Ein Restaurant
von McDonald’s darf nicht fehlen. Angesichts des dortigen Publikums
verkneife ich mir einen Besuch und einen Big Mac: ich will nicht als
Ur-Opa auftreten. Es gibt Orte in Irland, da merkt man das eigene Alter. Ich
spaziere bis zur Grünanlage des St. Stephen’s Green und schaue mir
dort und am nahe gelegenen Merrion Square die weithin berühmten Doors
of Dublin an: damit der leicht angetrunkene Hausherr vergangener Zeiten
ins eigene Haus findet, das genau so aussieht wie alle anderen Häuser
um den Platz, wurden so ab dem 18. Jahrhundert die Türen möglichst
ausgefallen lackiert und die Oberlichter über den Türen sowie die Türrahmen
jeweils ein wenig unterschiedlich gestaltet. So ist es auch noch heute.
Bloß dienen die bunten Türen etc. heutzutage als
Fremdenverkehrsattraktion, denn dort wohnt keiner mehr, sondern die Häuser
sind längst schon in Büros für allerlei Firmen umgewandelt worden.
Und die Herren Rechtsanwälte, Grundstücksmakler etc. sollten am Morgen
– in hoffentlich nüchternem Zustand – ihre Büros auch ohne
violette Tür im gelben Rahmen finden. Es geht aber sozusagen kein
Tourist vorbei, ohne nicht mindestens eine Tür zu fotografieren. Da
kann ich auch nicht abstinent bleiben. Neugierig
wie ich bin, will ich wissen, wie man in solchen Häusern so um 1800
herum lebte. Daher zahle ich den Eintritt zum Haus Twenty-Nine an der
Ostseite des Merrion Square. In den Räumen in diesem viergeschossigen
Haus findet sich die Wohnung einer durchschnittlichen mittelständischen
Familie rekonstruiert, einschließlich der Dienstbotenzimmer. Das ganze
ist mit viel Geld und eigentlich viel Liebe zum Detail gemacht und in
sich stimmig, von den Vorhängen bis zum Glockenzug in jedem
Aufenthaltsraum, mit dem die Herrschaft die Dienstboten zu sich rief. Daraufhin
wandere ich zurück zum Fluss, höre auf dem Weg dahin so zum dritten
Mal „O condor pasa..“ auf einer Querflöte etc., gespielt von
mehreren Herren mit bunt gestreiften Hauberln auf dem Kopf, denke mir
jedes Mal mein Teil und gehe eilenden Schrittes weiter. Um den
Herrschaften eine Weile zu entkommen, trinke ich in Bewley’s Cafe eine
Tasse Lapsang Souchong Tee. Gestärkt vom Teein, besuche ich daraufhin
auch gleich den Pub Davy Byrnes in einer Seitengasse. Altmodisch und
verraucht, gibt es im Lokal wie in Pubs üblich auch Kleinigkeiten zu
essen – ich leiste mir einen Schinkentoast und denke an James Joyce,
der das Davy Byrnes von Leopold Bloom in seinen Wanderungen durch Dublin
besuchen lässt und es als „moralisches Pub“ in Ulysses für eine
Weil wenigstens unsterblich gemacht hat. Auf den Spuren Leopold Blooms
kann man heute noch durch Dublin wandern und viele tun das auch, manche
in geführten Gruppen, manche für sich allein. Ich denke, die wenigsten
von ihnen haben das Buch von vorne bis hinten gelesen – ein Markstein
der Literatur des 20. Jahrhunderts, den wahrscheinlich wichtigsten
Roman, von dessen Technik (vom Inhalt nicht zu reden) ganze Generationen
von Schriftstellern profitiert haben. Ohne die von Joyce entdeckte
Methode des „Stream of Consciouness“ wären viele Bücher nicht
geschrieben worden, vom ernstgemeinten Roman bis zur Trivialliteratur.
Wie das Leben so spielt, ist sein Roman zunächst wegen Obszönität
verboten worden, ehe er von einem damals obskuren Verlag in Paris 1922
gedruckt wurde (mit einer Vielzahl von Fehlern im Buchsatz, die
ihrerseits wieder eine Menge wissenschaftlicher Werke hervorgebracht
haben), konnten doch die Setzer in Paris leider nicht Englisch. In
ausgleichender Gerechtigkeit hat Joyce für seinen Roman den Nobelpreis
für Literatur – nicht bekommen, zum Unterschied von so großartigen
Dichterfürsten wie Carl Spitteler, Eric Axel Karlfeldt oder – 1922
– Jacinto Benevente für seine herausragenden Dramen, die kein Mensch
mehr kennt – mit Recht. Dass auch der zweite herausragende Dichter des
20. Jahrhunderts, Marcel Proust, in der noblen Liste der Preisträger
nicht aufscheint, dessen „Suche nach der verlorenen Zeit“ unsere
Literatur zutiefst beeinflusst hat, wird Joyce kein Trost gewesen sein.
So spielt das Leben – manchmal. Aber dafür feiern die Iren (und nicht
nur die Iren) am 16. Juni eines jeden Jahres den Bloomsday; die
Buddenbrooks feiert niemand irgendwo, dabei ist der Roman doch von einem
Herrn geschrieben worden, der seit 1931 zur illustren Runde gehört. Auf
der O’Connell Bridge überquere ich die Liffey und
spaziere auf der Nordseite die O’Connell Street hinauf und
wieder zurück. Früher war das eine gute Einkaufsstrasse, heute reiht
sich ein mieses Geschäft ans andere; bloß das Gresham’s Hotel tut
nach wie vor auf vornehm und das Hauptpostamt ist noch immer nicht bloß
ein solches. Es ist auch der heilige Ort, an dem (richtiger: in dem)
sich die Rebellen zu Ostern 1916 verschanzten. Trotz der Niederlage
gegen die Briten und trotz allerlei Kritik an ihren militärischen Fähigkeiten
(die sie mit der Exekution durch dieselben bezahlten) bewirkten sie
letztlich die Gründung der Republik Irland. Aber das ist eine andere
Geschichte, über die sich die Iren noch heute ereifern können, wenn
sie sich nicht gegenseitig die Schädel einschlagen. Man braucht bloß
die gelegentlichen diesbezüglichen Ergüsse der gelungenen
Schreiberlinge in der Zeitung „Irish Times“ zu lesen. Denkmäler
gibt es auch, mir gefällt eigentlich nur der Anna Livia Fountain; von
James Joyce im Ulysses wurde die Bezeichnung Anna Livia für den Fluss
Liffey populär gemacht. Die Anna Livia aus Bronze (?) sitzt ganz
bescheiden inmitten einer Reihe von Wasserbecken. Auf deren Rand sitzen
bei Sonnenschein ganze Scharen von obdachlosen Säufern und tun, was man
halt so als Säufer zu tun pflegt. Ich
habe vergessen, zu erwähnen, dass ich auf diesen Spaziergang keinen
Regenschirm mitgenommen habe. Letzteres erweist sich als Fehler. Hin-
und zurück gehe ich durch die erwähnte O’Connell Street und auf dem
Hin- und auf dem Rückweg regnet es, nur kurz, aber dafür gründlich. Eine
Stadtbesichtigung macht mich – unweigerlich – hungrig. Im Hotel
einen Schirm geholt, wandere ich durch das Viertel. Dabei bin ich nicht
der einzige Mensch. Soweit ich das aus dem Aussehen schließen kann (und
an den bunten Haaren der Greisinnen) sind viele Amerikaner zu Besuch in
Dublin. Und alle kreisen sie durchs Viertel. Sind sie bloß neugierig
oder durstig oder hungrig? Neugierig und nicht durstig, offenbar, denn
sonst gingen sie in eines der zahlreichen Pubs. Temple Bar, einst eine
Ansammlung verfallener Bruchbuden, besteht heute eigentlich nur aus Bars
und Pubs sowie mehr oder minder schicken Geschäften. Kleine Pubs gibt
es viele, die meisten fassen jedoch ganze Heerscharen von Leuten. Alle
sind sie auf altmodisch getrimmt, mit vorgesetzten Holzfassaden vor dem
betonierten Innenleben, alle bunt gestrichen, aber nicht einheitlich und
alle diese altertümlichen Fassaden sind erst ein paar Jahre alt.
Farbfilm soll man genug bei sich haben, denn die Fassaden sind in allen
Regenbogenfarben und einigen anderen auch gestrichen, jeder Eigentümer
hat seinen eigenen, besonderen Geschmack. Echt alt ist meist die
Bausubstanz, was man sieht, ist modisch. Irische Architekten raufen sich
ob solcher Bauten angeblich die Haare. Andere irische Architekten
verdienen an solchen Verkleidungen prächtig. Und dem Publikum gefällt
es: „Lovely“ entringt sich mehr als einmal den Mündern der Repräsentanten
des erwähnten Kulturvolks. Ich
indes, der kein Guinness trinkt und auch sonst nix Alkoholisches, schaue
mich bloß nach Esslokalen um, wissend, dass es auch in jedem Pub was zu
essen gibt; dennoch finde ich kein Restaurant, das ich betreten möchte.
So mache ich eine weitere, zweite Stadtbesichtigung auf der Suche nach
Restaurants, die mein Wohlgefallen finden. Müde und richtig hungrig
lande ich schließlich in einem als „Pasta Fresca“ bezeichneten
Etablissement, das mir irgendwer empfohlen hat. Haben
Sie bloß einen kleinen Hunger, bestellen Sie doch, was der Name
andeutet: Teigwaren, hauptsächlich Spaghetti, mit offenbar allen möglichen
Soßen. Für Hungrige ist eine Pizza die bessere Wahl: ob sie besser
schmeckt als die Teigwaren, kann ich nicht sagen. Aber Sie haben
jedenfalls mehr zu beißen. Und wenn Sie Pech haben, so wie ich, auch
noch länger, denn die Ränder meiner Pizza Cardinale sind sozusagen aus
Stein. Immerhin gibt es dort auch Diet Cola; Kinder auch, aber nicht zu
essen, sondern in Begleitung zu Recht gequält wirkender Eltern, die
ebenso dahinquengeln wie der Nachwuchs. Im Internet verweist das Pasta
Fresca darauf, dass dort auch Kinder willkommen seien. Sei es. Von
Erwachsenen ist auf der Website nicht die Rede. Zum
Hotel zurückgekehrt, empfängt mich eine johlende Menge. Die Hotelbar
hat ihre Gäste auf die Straße entlassen, da stehen sie und lachen und
brüllen. Aus dem nahezu besten Nachtklub dröhnt es bis auf die Straße. Und
nicht nur auf die Straße, auch bis in den ersten Stock hinauf, bis nach
Mitternacht. Dazu kommen dann die zahlreichen Besoffenen, die lauthals
streitend oder aber friedlich grölend heimwärts wackeln. Mir scheint,
ganz Dublin wird am Morgen einen Kater haben.
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1.6
2.6 3.6
4.6 5.6
6.6 7.6
8.6 9.6
10.6 11.6
12.6 13.6
14.6 |
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Erstellt am 3. Juli 2003 © 2003
www.lausch41.com
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